Mary Sues und wie sie zu vermeiden sind

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Laura Kleinschmidt | 01 Januar 2014 |
Ich hatte mal ein Mädchen in der Klasse, das den Namen Mary-Sue trug. Sie war nicht besonders auffällig, trug meistens Mary-Janes, hatte schulterlanges, blondes Haar, blaue Augen, war relativ schmal und trug meistens Blusen in der Schule. 
Seitdem Mary Sue in meiner Klasse war, erinnere ich mich immer an sie zurück, wenn ich eine Geschichte verfasse. Oder auch nur ein Wort zu Papier bringe, das einen Charakter beschreiben soll. 
Mary Sue war im wahrsten Sinne des Wortes ein Stereotyp und dass ihre Eltern ihr auch noch diesen Namen gegeben haben... zum Schreien! 

Marie Sues schrecken ab
 

Mary Sues sind Charaktere, die zu flach, zu perfekt sind. Die nicht unbedingt Sinn ergeben, immer dasselbe machen, ein braves, weißes amerikanisches Mädchen sind, meistens jung, schlank, hübsch, intelligent, aus einer entweder guten oder zerrissenen Familie, die allerdings noch in Kontakt ist. Oftmals lebt sie in einem zweistöckigen, weiß gestrichenen Haus, mit einer Veranda, einem weißen Zaun, einem Geschwisterteil und einem Golden Retriever namens Buddy. 
Nichts gegen Mary Sue. Wenn Du das hier liest, nimms mir nicht übel. Ach was quatsch ich, Du sprichst sowieso kein Deutsch.

Mary Sues sind nicht authentisch. An ihnen fehlt etwas, das der Geschichte die letzte Priese Salz gibt, die einem unter den Fingernägeln brennt und uns letztendlich dazu veranlasst, diese Geschichte immer in Erinnerungen und in unseren Herzen zu behalten: Die Realität.
Kein Mensch ist perfekt. Menschen haben und machen Fehler, sie verhalten sich nicht rational. Sie werden von Gefühlen gesteuert! Das sollte man in eine Geschichte hineinpacken.
Mary Sues schrecken ab. Selbst Nebencharaktere, die nicht richtig ausgearbeitet sind, irritieren mich. Jeder hat eine Geschichte, jeder hat Unsicherheiten, die einen dazu bringen Dinge zu machen, die man im Nachhinein vielleicht bereut. Jeder hat etwas, das er an sich nicht leiden kann.


Bevor ich schreibe, denke ich über den Protagonisten nach und was ihn oder sie dazu eintreibt, einer speziellen Handlung nachzugehen. Warum brüllt er oder sie in diesem Moment? Warum weint er? 


Mary Sue und Nicht Mary Sue

In „Die Sache mit der Disziplin“ habe ich bereits angesprochen, wie wichtig ich Steckbriefe finde. Sie ersparen einem eine Menge Arbeit. Und sie helfen einem dabei Mary Sues aus dem Weg zu räumen.

Hier ein Beispiel zu einem Musterprotagonisten alias Mary Sue:


Aussehen:
Haarfarbe: Blond
Augenfarbe: Blau
Teint: Hell
Gesicht: oval
Augenbrauen: gezupft
Figur: schlank, schmale Taille
Brüste: Obwohl sehr schlank, gut ausgereift, eine handvoll, keiner kann sich beschweren
Beine: Lang, schlank und wohl geformt


Handlung mit Mary Sue:
Mary Sue kommt
wie Bibi Blocksberg aus einer Vorstadt namens Neustadt. Sie ist hübsch, intelligent, schüchtern, kaut andauernd auf der Unterlippe herum (was seit Bella Swan eingeführt worden ist!), fährt ein gebrauchtes Auto, hat einen vielbeschäftigten, aber besorgten Vater und eine Mutter mit Perlenkette.
Sie verliebt sich in den Footballstar, der 'nen Sixpack hat, sie erst neckt, sich dann in sie verliebt, irgendwas passiert, „lass mich bloß in Ruhe“, „Es tut mir Leid!“,  sie küssen sich und dann leben sie glücklich an ihr Lebensende mit zwei Komma fünf Kindern und besagtem Golden Retriever namens Buddy.


Kein Leben verläuft so. Neben wir mal, dass es wirklich die Storyline ist. Mädchen verliebt sich in populären Jungen. UND NEIN, sie gibt ihm keine Nachhilfe in irgendetwas.

Aussehen Nicht Mary Sue:
Haarfarbe: Dunkelblond mit helleren Highlights
Augenfarbe: Schlammig-grau
Teint: Hell, ein bisschen rot, da sie schnell einen Sonnenbrand bekommt
Gesicht: herzförmig mit markanten oder vollen Wangen
Augenbrauen: Eine dünner als die andere, da sie versucht hat diese zu zupfen und dabei so heulen musste, als hätte sie eine Zwiebel geschnitten (Nein, Scherz. Augenbrauen sind wirklich irrelevant, ein Hintergrunddetail wäre es jedoch, um einen Charakter realer zu machen.)
Figur: Eine schmale Taille, runde Hüften und Oberschenkel, die in ihren Augen zu groß sind
Brüste: Passend zu ihren Proportionen. (Bitte erinnert euch daran: Ist ein Mensch sehr dünn, hat er oftmals eine flache Oberweite. Brüste nehmen auch zu, wenn der Körper es tut!)
Beine: Hat sie ein O-Bein? Sind sie kurz und schmal? Oder eher stämmig? Lang? Wohlgeformt?

Handlung mit Nicht Mary Sue:
Nicht Mary Sue kommt aus einer normalen Familie. Sie wohnt in einem zweistöckigen Haus (wen interessiert es, wo sie wohnt?), ihr Vater arbeitet viel und ihre Mutter ist von einem anderen Geschwisterteil besessen, da dieser alles besser macht.
Sie fühlt sich oft unverstanden und weiß nicht, wie sie sich richtig ausdrücken soll, damit man sie verteht. Nicht Mary Sue liest gerne, malt, dichtet, spielt Computer, chattet, bla bla, hat irgendein Hobby, das sie ein bisschen definiert.
Sie muss den Bus zur Schule nehmen, wie jedes andere Kind auch, stolpert manchmal, rennt irgendwo gegen oder setzt sich in Ketchup, weil das den Besten auch geschieht.
Nicht Mary Sue beobachtet von der Ferne. Vielleicht beobachtet sie einen Streit zwischen Footballspieler und seiner Freundin, dieser beleidigt sie im falschen Deutsch/Englisch/Russisch und Freundin sagt etwas, das nicht unbedingt Sinne ergibt.
Nicht Mary Sue korrigiert aus Versehen, wird angestarrt, wird rot, entschuldigt sich, dreht sich um, geht. Vielleicht sieht sie ihn in der Kirche wieder, vielleicht auch bei einer Ballettveranstaltung vom Wunderkind wieder, beide langweiligen sind, beide fühlen fehl am Platze vor, beide kommen ins Gespräch.


Figuren brauchen einen Hintergrund und Macken

Erinnert Euch daran, dass Nicht Mary Sue nicht der einzige Charakter sein sollte, der nicht perfekt ist. Footballspieler hat auch einen Hintergrund, eine Geschichte, etwas das ihn definiert. Er muss nicht immer gemein, sexy und dunkelhaarig sein. Er muss nicht immer einen Ferrari/Volvo fahren und Haare haben, die ihm wuschelig vom Kopf abstehen.

Gegensätze ziehen sich an. Das ist das, was eine Geschichte ausmacht. Nicht jeder hat immer dieselben Ansichten, dasselbe Aussehen, dieselben Interessen.

Protagonist und Antagonist mögen vielleicht blond und brünett, grün und braunäugig, hell und dunkel sein. Sie gleichen sich aus. Wie jeder Mensch, der eine Beziehung zu einem anderen hat, es macht. Es muss nicht Freund und Freundin sein, es kann sich genauso gut um Vater und Tochter, Oma und Opa, Fremder und Protagonistin handeln.

Wichtig ist, dass man sich daran erinnert, dass die kleinen Macken die Dinge sind, die uns oftmals anziehen. Vergesst das nicht, wenn Ihr schreibt. Denkt Euch neue Macken aus. Nicht jeder knabbert an den Fingernägeln oder einer Haarsträhne.
Ich zum Beispiel niese oft, wenn ich lachen muss und schnarche leise (und manchmal laut. Meine Freundin behauptet, ich schnarche wie eine Kettensäge. Lügnerin!)

Bevor Ihr Euch hinsetzt, überlegt Euch die kleinen Ticks, die Unsicherheiten eines Charakters. Diese steuern oft Handlungen, wie im normalen Leben. Und eben diese Unsicherheiten/Handlungen/Gefühle helfen Euch dabei, einen Charakter nicht Mary Sue-ig werden zu lassen.
Denn sobald ein Charakter seine Schwächen, Unsicherheiten und Ängste hat, interessiert es wohl kaum noch jemanden, ob besagter Charakter noch einen weißen Gartenzaun hat.

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