Wenn der Leser der Protagonist ist...

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Thomas Williams | 06 April 2014 |
Als ich anfing, das Schreiben ernst zu nehmen, spielten meine Geschichten fast ausschließlich in den USA. Wahrscheinlich lag dies daran, dass ich damals schon amerikanische Filme gesehen und amerikanische Bücher gelesen habe und da dies zwei meiner großen Inspirationsquellen sind, wollte ich ihnen nacheifern. Und ich sehe und lese sie heute noch, doch im Bezug auf das Schreiben ist es mir immer wichtiger geworden, dass der Leser sich in die Figuren meiner Geschichten hinein versetzen kann. Er soll sich mit ihnen vergleichen und das gelingt am besten, wenn wir über Orte schreiben, die in unserem Heimatland spielen, mit Einheimischen in den Hauptrollen.

Nehmen wir mal John aus New York als Beispiel. Pizzabote, immer klamm, Ärger mit der Freundin und keine Perspektive. So weit, so gut. Doch sein Alltag ist typisch amerikanisch. Seine Umgebung ist anders als unsere und wirkt dadurch eher erfunden.
Jakob aus Wiesbaden ist ebenfalls Pizzabote, pleite und eine Freundin hat ihn gerade aus der gemeinsamen Wohnung geworfen. Und sein Alltag ist typisch deutsch, wie der unsere. Seine Bekannten laufen herum, wie unsere. Ihre Namen sind uns vertrauter, wir haben eher das Gefühl mit Jakob etwas verbinden zu können.

Menschen mögen es, Geschichten zu lesen, die in ihrem Heimatland spielen oder über Landsleute, die in fremden Ländern Abenteuer erleben. Ich schreibe immer noch Geschichten über Amerikaner, Iren, Mexikaner oder wen auch immer, wenn es für die Geschichte unumgänglich ist und das ist auch vollkommen okay.
Aber manchmal passt es einfach eher, Judith aus Essen als Touristin nach Japan zu schicken, anstatt über den einheimischen Takashi zu schreiben.
Denn Judith hat das gleiche Problem wie wir: Sie kennt sich nicht aus, ist der Sprache nicht mächtig und kennt die Gepflogenheiten des Landes nicht. Während Takashi seine Umgebung schon gar nicht mehr wahrnimmt, weil sie für ihn Alltag ist, ist Judith genauso fasziniert und vielleicht auch verstört, wie wir es wären, würden wir durch die Straßen einer fremden, kulturell vollkommen andersartigen Stadt laufen.

Und schon kann sich der Leser in sie hineinversetzen. Er weiß, wie Judith sich fühlen muss. Sie könnte auch schon Jahre lang dort wohnen und sich auskennen, dann würde ich aber trotzdem immer wieder auf ihre Wurzeln eingehen und über ihre Anfänge in Japan schreiben.

Spannend ist es auch, über Touristen zu schreiben, welche auf fremde Orte stoßen. In jedem von uns steckt ein Abenteurer, der Neues entdecken will. Im Urlaub fliegen wir an alle möglichen Orte, um den Alltag hinter uns zu lassen, sehen uns bestimmte Dinge an. Fast jeder weiß, wie das ist.
Wieso soll es Nancy aus Australien sein, welche in der Wüste ein Abenteuer erlebt und danach wieder nach Hause geht und nicht Jessica aus Bad Oeynhausen, die eigentlich nur ein paar Wochen Rucksackurlaub machen wollte, dann aber von tollwütigen Kängurus in die Enge getrieben wird?

Lange Rede kurzer Sinn: Egal ob Amerikaner, Deutsche, Japaner oder was auch immer, Menschen mögen es über ihre Landsleute zu lesen. Sei es im Heimat- oder im Ausland. Wir können uns besser mit ihnen vergleichen und das zieht uns tiefer in die Geschichte.

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