Warum sind eigentlich so viele Protagonisten Waisen?

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Hekabe OhneName | 13 August 2014 |
Unser Held hat es geschafft. Aus irgendwelchen seltsamen Gründen hat er das Jahrhunderte lang verschollene Zauberschwert gefunden, sich dem Drachen gestellt und ihn mit einem gezielten Hieb erschlagen. Kopf ab, zurück bleibt ein blutender Stumpf, der mal der Hals war, das Blut sprudelt nur so aus der Wunde und der Held wird erst einmal darin gebadet. Jetzt sitzt er auf seinem weißen Ross auf dem Weg zurück in die Stadt, wo König und Prinzessin auf ihn warten, wobei letztere ihn nach dieser Heldentat garantiert heiraten wird, und im Moment gehört ihm die Welt. Gerade reitet er durch das Stadttor, da reißt ihn seine Mutter vom Pferd, gibt ihm wütend eine Ohrfeige, weil er sich so in Gefahr gebracht hat, und putzt wütend das Blut von seiner Rüstung bevor sie ihn an den Ohren in sein Zimmer zerrt und ihm drei Wochen Hausarrest erteilt?

So ironisch diese Szene vielleicht klingen mag, in einer ernsten Heldengeschichte wird sie wohl eher weniger Platz finden. In so einer Geschichte wäre die Mutter schon spätestens vor ein paar hundert Seiten entweder vom Drachen gebrutzelt worden oder wenigstens ganz weit weg gezogen. Am besten nach Nimmerland oder Narnia. Oder einfacher formuliert: Unser Protagonist wäre auf die eine oder andere Weise zur Waise geworden.

Aber warum eigentlich? Warum funktioniert dieses Prinzip des verwaisten Helden so gut?

Eltern bedeuten gerade für ein Kind Sicherheit und Schutz. Ein Sicherheitsnetz, in das sie sich immer wieder zurück fallen lassen können, wenn die Lage verzwickt wird. Aber auch noch lange darüber hinaus sind Eltern bzw. Familie ein fester Anlaufpunkt für Krisen. Wenn alles schief geht, dann können sie weiter helfen. Egal, wie schlecht die eigenen Eltern sind, jede gerät einmal in so eine Situation, in der er Hilfe bei seinen Eltern sucht.

Nehme ich jetzt als Autor meinem Protagonisten diese Krisenmanagementanlaufstelle, dann schlage ich im Bezug auf meine Leser gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens sorge ich dafür, dass der Leser instinktiv Mitleid mit meinem Protagonisten hat, denn zu verwaisen, das wünscht man für gewöhnlich keinem, und zweitens sorge ich für einen gewissen Identifikationswert. Schließlich hat jeder Eltern und damit kann jeder auch zumindest ansatzweise nachempfinden bzw. sich die Situation vorstellen, wie es wohl ist, einen oder beide Elternteile zu verlieren.

Andererseits machen aber verwaise Protagonisten auch aus ganz praktischen Gründen für den Plot Sinn. Denn seien wir doch mal ehrlich: Wenn der Held gerade den Drachen erschlagen hat und mit Blut bespritzt zurück in die Stadt reitet, dann will er die Prinzessin küssen und nicht von Mama das Drachenblut von der Wange gewischt bekommen. Oder schon im Vorfeld eine Diskussion darüber führen müssen, dass es nicht zu gefährlich ist, gegen diesen verdammten Drachen anzutreten.

Für jede Form von Abenteuer und Gefahr sind Eltern ein „Störfaktor“, weil sie ihre Kinder normalerweise versuchen zu beschützen, womit sie aber dem Held die Möglichkeit der eigenen Entwicklung bzw. dem Leser den Kick an einer Geschichte nehmen. Nur einmal als Beispiel: Was wäre, wenn Harry Potters Eltern irgendwie überlebt hätten? Nicht nur, dass dann der Plot mit Harry als der Auserwählte im Kampf gegen Voldemort nicht mehr hingehauen hätte, wahrscheinlich hätten James und Lily schon nach Jahr zwei auf Hogwarts Harry eingepackt und zu Hause unterrichtet, weil er sich in der Schule zu oft in zu große Schwierigkeiten bzw. Gefahr gebracht hatte.

Gleichzeitig können die (toten) Eltern aber natürlich auch der Auslöser für den Konflikt einer Geschichte sein. Denn was für eine Motivation könnte für den Kampf des Helden gegen den Drachen besser sein als das Detail, dass der Drache auch noch der Mörder der Eltern des Protagonisten ist?Rache mag nicht sonderlich einfallsreich sein, aber es funktioniert, um den tragenden Konflikt für eine Geschichte zu entwickeln.

Dabei ist es eigentlich schon wieder egal, ob es sich dabei um die leiblichen oder Ersatzeltern wie Onkel/Tante/Großeltern/Mentor oder nur den Typen, der den Protagonisten großgezogen hat, handelt.
Wieder ein Beispiel: In Jane Christos „Blanche“-Reihe ist die Profikillerin Blanche die Hauptperson, die sich eigentlich um nichts und niemanden schert. Der Auslöser für sie, gegen Dämonen zu kämpfen, ist der Mord an ihrem Mentor Wayne, der für sie wie ein Vater war.

Aber genug des theoretischen Wirrwarrs: Fehlende Eltern des Protagonisten haben für eine Geschichte durchaus ihre Vorteile, sie bieten Möglichkeiten genauso wie ihr Tod (so blöd das klingt) für die Handlung vieles vereinfachen kann, gleichzeitig hat aber auch dieses Prinzip – genauso wie Dreieckbeziehungen etc. - ein großes Problem: Es ist ein alter Hut. Es funktioniert, aber schlecht umgesetzt ist es langweilig.

Deshalb: Eine wichtige Frage muss man sich vor dem „Killen“ der Eltern stellen, damit es nicht so wirkt, als ob die eben tot seien, weil... äh... Baum. Wie treibt das die Story voran oder wie nützt ihr Tod dem Plot? Oder schadet er sogar mehr?

1 Kommentar:

  1. Toller Artikel! Du hast absolut recht, in manchen Büchern kommt es einem wirklich so vor, als wären die Eltern nur nicht da, weil der Autor keine Lust darauf hatte noch mehr Personen zu entwickeln.
    In vielen Büchern, die in meinem Regal stehen, gibt es sie aber nach wie vor. Die Personen, die sich liebevoll um das Kind kümmern und immer wieder Anlaufstelle bieten. Oft ist es aber auch so, dass sie nur am Anfang mal kurz vorkommen, dann aber komplett verschwinden. Besonders geschickt gestaltet finde ich die Bücher, in denen die Eltern auch eine wichtige Rolle spielen. Dabei ist es eigentlich egal, ob sie tot sind (wie bei Harry Potter) oder lebendig (wie bei City of Bones) - es ist immer toll, wenn die Geschichte auf allen Ebenen viel Stoff zu bieten hat und zeugt von einem sehr liebevollen Umgang des Autors mit seiner Geschichte.

    Liebe Grüße <3
    Kim

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