Große Helden und treue Freunde – Können Protagonisten und ihre Begleiter die Rollen tauschen?

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Hekabe OhneName | 30 Oktober 2014 |
Was wäre Don Quijote ohne Sancho Panza? Frodo ohne Sam? Buffy ohne Willow und Xander? Arthur ohne Merlin? Batman ohne Robin? D'Artagnan ohne die Musketiere? Katniss ohne Peeta? Robin Hood ohne Little John? Harry ohne Ron und Hermine? Wo wären unsere Helden ohne ihre Freunde? Die Leute, die mit ihnen durch dick und dünn gehen und sie überall hin begleiten? Die mit ihnen genauso gegen die bösen Jungs kämpfen wie sie ihnen jederzeit seelisch beistehen? Die Antwort ist normalerweise eigentlich erstaunlich einfach: tot.

Denn die Freunde vieler Helden stehen ihnen nicht nur seelisch bei, nein, sie retten ihnen auch regelmäßig den Hintern, wenn sie irgendeine Dummheit im Kopf haben. Sie sind nicht nur stumme Begleiter, die eben im Hintergrund herum stehen sollen, weil die Szene so weniger leer wirkt, sie greifen aktiv in die Handlung ein, sind meistens eigenständige Persönlichkeiten, die eine tiefe Freundschaft mit dem dazu gehörigen Helden verbindet. Ja, eigentlich könnte man sie schon so etwas wie „Beta-Helden“ nennen.

Früher oder später führt das natürlich zu einem Problem: Was qualifiziert den Protagonisten einer Geschichte noch zum Held? Ist nicht vielleicht sein(e)/ihr(e) beste(r) Freund(in) der/die eigentliche Held(in)? Ist nicht alles nur eine Frage der (Erzähl-) Perspektive und könnte ich als Autor nicht einfach die Rollen meines Protagonisten als Helden und seinem/seiner Freund(in) als Begleiter des Abenteuers tauschen ohne die Figurenkonstellation zu ändern?

In der Theorie? Ja. Praxis? Wohl eher weniger.
Nehmen wir doch nur mal Harry Potter zum Beispiel. Der Protagonist Harry ist da zwar der Titelheld und genießt damit natürlich von vorne herein im Vergleich zu seinen Freunden Ron oder Hermine eine erhöhte Position, aber gleichzeitig wissen wir alle, dass unsere liebste Brillenschlange kein Jahr auf Hogwarts überlebt hätte, wenn die beiden ihm nicht beigestanden hätten. Zusätzlich sind J.K. Rowlings auch noch so glaubwürdig ausgestaltet, dass man im Laufe der sieben Bücher beginnt, sich u.a. mit Ron und Hermine mindestens genauso stark zu identifizieren wie mit Harry selbst. Bedeutungstechnisch sind die drei also so gut wie gleichberechtigt.

Warum jetzt nicht (jedenfalls in der Theorie) die Rollen tauschen und Hermine zur Protagonistin machen? Scheint plausibel, oder?

In der erzählenden Praxis würde das allerdings wohl eher weniger bzw. nicht so gut wie das Original funktionieren. Denn warum kämpft Hermine überhaupt gegen Voldemort? Warum riskiert sie regelmäßig ihr Leben während ihrer Zeit auf Hogwarts?

Aus Freundschaft zu Harry bzw. natürlich auch Ron und allen anderen ihrer Freunde, die sich diesem Kampf anschließen. Selbiges gilt für Ron und alle anderen, die Harry auf seinem Weg begleiten. Selbst wenn einer von ihnen also der Protagonist der Handlung wäre, der Held bliebe vermutlich Harry. Nicht nur, weil er mit „The boy who lived“ ein Auserwählter ist, er hat mit dem Mord an seinen Eltern zusätzlich noch als Einziger von Anfang an ein ernsthaftes Motiv für diesen Kampf. (Es sei denn man ändert die komplette Figurenkonstellation und die Biographie der einzelnen Charaktere, aber darum geht es hier nicht.)

Ähnlich läuft die Sache auch mit Tolkiens Frodo und Sam. Frodo hat das Pech, den Ring von seinem Onkel Bilbo hinterlassen zu bekommen, und als Gandalf ihn losschickt, stolpert Sam eigentlich mehr unabsichtlich hinterher. Dass Sam Frodo später bis in den Schicksalsberg trägt, hat aber weniger mit der Tatsache zu tun, dass der Ring zerstört werden muss – denn dann könnte er ihn seinem Freund ja auch einfach abnehmen – sondern damit, dass er Frodo nicht zurück lässt. Damit, dass die beiden eine außergewöhnliche Freundschaft verbindet.

Genau das ist es, was das Tauschen der Rollenverteilung des Protagonisten/Helden und seines Begleiters/Freundes so schwer bis unmöglich macht: Sobald eine Begleiterfigur genügend Tiefe erlangt bzw. mit seinem heldenhaften Freund so sehr auf Augenhöhe ist, um auch als Protagonist herhalten zu können, ist normalerweise sein/ihr Motiv niemand anderes als der ursprüngliche Held, der wiederum unabhängig von seinem Freund noch mindestens einen anderen Antrieb im Kampf gegen das Böse hat.

Kurz: Natürlich kann eine Begleitfigur zum Protagonisten im Sinne des Erzählers werden, der Held im ursprünglichen Sinne dagegen? Zu dem wird der Begleiter glaube ich wohl eher weniger.

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