Wie die Wissenschaft bei der Charakterbildung helfen kann

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Patricia Bellasie | 11 November 2014 |
Charakterbildung ist das A und O einer guten Story. Was wären Figuren ohne ihre Eigenschaften? Die Antwort ist simpel: Seelenlos und somit auch ziemlich langweilig. Wir interessieren uns nicht für die Verpackung, für bloße Hüllen - oder wollte einer von Euch wissen, was mit den anderen Robotern des Films I Robot passiert ist? Nein, denn unsere Aufmerksamkeit galt Sonny, dem Roboter mit Herz.

Jeder Autor steht somit vor der Herausforderung, seine Figuren für die Leser interessant zu machen. Doch wie geht das? Reicht es einfach, irgendwelche Eigenschaften zusammen zu würfeln? Schließlich hat man genügend Auswahl, allein in der englischen Sprache beschreiben fast 18.000 Wörter die Persönlichkeit. Damit sich aber keiner von uns, mit einem Textmarker bewaffnet, durch ein Wörterbuch kämpfen muss, stelle ich dir ein paar Theorien vor, die aus der Persönlichkeitspsychologie stammen und Autoren bei der Entwicklung ihrer Charaktere helfen können.

Theorie 1: Eysencks Persönlichkeitskreis

Der Psychologe Hans Jürgen Eysenck greift in seinem Persönlichkeitskreis Hippokrates Körpersäfte-Theorie auf. Zuerst möchte ich dir aber erzählen, dass viele Theorien eines gemeinsam haben: Sie konzentrieren sich auf Grundeigenschaften. Die Anzahl derer ist überschaubar - was dir die Charakterentwicklung erleichtern soll. Doch kommen wir nun zu Hippokrates, der sich bereits um 400 v. Chr. mit dem Thema Persönlichkeit auseinandersetzte.
Als Mediziner nahm er an, dass die Persönlichkeit von der Verteilung der körpereigenen Flüsigkeiten abhinge. Somit entwickelte er die Temperamentenlehre, die sich auf vier Arten verteilt
  • Blut (sanguinisch): fröhlich
  • Schleim (phlegmatisch): träge
  • Schwarze Galle (melancholisch): traurig
  • Gelbe Galle (cholerisch): aufbrausend
Wenn das Blut im Körper überwiegt, besitzt der Mensch ein fröhliches Gemüt.

Diese Theorie diente Eysenck als Grundlage für seine eigene Persönlichkeitstypologie. Die Pole Extraversion und Neutrotizismus (emotionale Stabilität) finden sich später auch im nächsten Modell wieder. Während Hippokrates nur einen Pol, eine Ausprägung überwiegen konnte, ließ Eysenck Spielraum für Kombinationen. Die folgende Abbildung verdeutlicht dies:

Eysencks Persönlichkeitskreis 
Eigene Darstellung in Anlehnung an
Gerrig, R. und Zimbardo P.: Psychologie, 18. Auflage, S. 508

Ist ein Mensch ängstlich, bedeutet das eine Kombination von labil und introvertiert. Hippokrates sah darin nur die Vorherrschaft der schwarzen Galle. 

Für uns Autoren kann die Abbildung für die Persönlichkeitsentwicklung der Figuren sehr hilfreich sein. So kann man bei der Charakterfrage zum Beispiel das Temperament (Cholerisch oder Sanguinisch) festlegen und auf die passenden Eigenschaften zurückgreifen.

Die nächste Theorie geht die Sache ein wenig anders an.

Theorie 2: Das Fünf-Faktoren-Modell 

Bereits in der Einleitung habe ich von ca. 18.000 englischen Begriffen zur Eigenschaftsbeschreibung gesprochen. Dass es diese Zahl gibt, verdanken wir den beiden Wissenschaftlern Allport und Odbert. Diese haben sich tatsächlich die Mühe gemacht, alle Wörter herauszuschreiben, die die Persönlichkeit beschreiben. Später wurde auf Basis dieser Eigenschaftsliste das Fünf-Faktoren-Modell entwickelt, das 17.953 Einträge auf fünf Grundzüge reduzierte.
  1. Extraversion
  2. Verträglichkeit
  3. Neutrotizismus
  4. Gewissenhaftigkeit
  5. Offenheit
Bei der Charakterfrage geht es darum die Ausprägung (+ stark, - schwach) dieser Eigenschaften festzustellen.
  1. + spontan, redselig, gesellig, - ruhig, ernst, zurückhaltend
  2. + kooperativ, harmoniebedürftig, mitfühlend, - aggressiv, feindselig, streitlustig
  3. + besorgt, depressiv, selbstzweifelnd, - zufrieden, selbstsicher, entspannt
  4. + zuverlässig, diszipliniert, zielstrebig, - unvorsichtig, willensschwach, verantwortungslos
  5. + interessiert, abenteuerlustig, kreativ, - oberflächlich, einfach, dumm
An dieser Stelle möchte ich davon abraten, immer die goldene Mitte zu nehmen. Das ist einfach, aber auch langweilig. Gesteht Euren Charakteren Ecken und Kanten zu.

Nun kennst du zwei oder vielmehr drei weitere Möglichkeiten, deinen Figuren Leben einzuhauchen und wünsche dir viel Spaß beim Ausprobieren. Im nächsten Teil werde ich darauf eingehen, ob eine Figur auch etwas Charakterfremdes machen darf. Wer sich bis dahin die Zeit mit wissenschaftlichen Lesestoff vertreiben möchte, dem kann ich folgende Lektüre empfehlen:
  1. GEOkompakt: Die Such nach dem Ich. Heft Nr. 32. 9,00€ oder 16,50€ mit CD. Bestellbar bei shop.geo.de
  2. Richard J. Gerrig und Philip G. Zimbardo: Psychologie, 52,99€ (Themen: Wahrnehmung, Bewusstsein, Intelligenz, Motivation, Entwicklung, Persönlichkeit uvm.)

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