Ein Herz für Bösewichte

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Hekabe OhneName | 17 Dezember 2014 |
Loki. Cersei Lannister. Macbeth. Khan. Akkarin. Severus Snape. Farqual. Philipp II. von Spanien. Daleks. Crowley. Der Joker. Lady de Winter. Luzifer. Alduin. Gollum. Dracula. Damon Salvatore. Morgana. Captain Hook. Sauron. Oder schlicht und ergreifend der große Böse Wolf. Egal, ob in Büchern, Filmen, Serien oder Games: Es gibt sie immer. Die Bösen, die den Leser oder Zuschauer genauso abstoßen wie faszinieren. Die Bösen, die man zum Teil gar nicht hassen kann, weil sie einem schlicht und ergreifend leid tun. Oder die, die man für ihren Mut, so zu sein, wie sie es wollen, beneidet. Die Geisteskranken, Verrückten, Verzweifelten oder Verletzten.

Das Böse bzw. die „bösen“ Figuren fesseln uns. Viel mehr als die Guten. Sie sprechen all unsere Ängste an oder aus, entweder indem sie unsere Albträume verursachen, erlebt haben oder sie etwa gar selbst sind. Gleichzeitig ist ihre Biografie oft viel tragischer und menschlicher als die der Helden. Und zwar durch die Bank in unendlich vielen Facetten und Epochen.

Vergesst die Guten und kümmert euch besser um die Bösen!
Ein Held kann noch so viele Regenbögen kotzen und einen ganzen Stall voller Einhörner haben, er ist für gewöhnlich eher langweilig. Er kämpft für das Richtige, denkt das Richtige und selbst wenn er in einen Konflikt gerät, tut er für Gewöhnlich am Schluss doch das Richtige. Ein Bösewicht dagegen ist gleich viel interessanter. Er gibt seinen Trieben, Wünschen und Sehnsüchten nach, tut genau das (moralisch) Falsche, ist dabei aber auch brilliant und sein gesamtes Handeln ist von der Tragik gekennzeichnet, dass er im besten Fall die Schlacht gewinnt, aber den Krieg in jedem Fall verliert. Und das Mädchen kriegt er natürlich auch nicht, so sehr er sich auch bemüht. Denn in den meisten Fällen wird schließlich eine Geschichte von den Siegern geschrieben. Trotzdem darf man die Macht des Bösen und ihre Akteure niemals unterschätzen und erst recht nicht lieblos behandeln, schließlich steht und fällt eine gute Geschichte (unter anderem) mit ihrem Bösewicht.

Wie jetzt? Es geht doch eigentlich um den Held, oder?
Ja und Nein. Der Held und der Böse sind doch eigentlich wie Ying und Yang. Zwei Teile, die zwar nicht miteinander, aber erst recht nicht ohne einander können. Der Unterschied: Der Held kann charakterlich flach wie eine Flunder sein und die Geschichte kann durch einen vielschichtigen oder interessanten Bösewicht immer noch umwerfend werden, umgekehrt dagegen wird es schon schwieriger. Nehmen wir doch nur einmal George R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ als Beispiel. Um nicht zu spoilern, nur den ersten Band „Die Herren von Winterfell“: Zu Beginn lernt man Ned Stark kennen, eine klar positiv konnotierte Figur, einer der Guten. Er ist ein toller Vater, wird von seiner Frau geliebt, und hat eine klare Auffassung von Ehre und Moral. Einfach ein sympathischer Typ. Toll. Langweilig. Die Lannisters, die Gegenspieler der Starks, dagegen sind da schon viel interessanter. Allein die Königin Cersei Lannister: Klar, sie ist intrigante blöde Kuh, die man als Leser (oder Zuschauer) sehr schnell zu hassen lernt, aber sie ist insgesamt viel realistischer und interessanter als der gute Ned. Eine kaputte Ehe, ein vorgefertiges Rollenmodell, das ihrem Verstand eigentlich keinen Raum gibt, und obendrein noch eine… sagen wir komplizierte Familie. Seien wir doch mal ehrlich: Mit all dem ist Cersei viel näher am Leben als die Starks. Und das macht sie faszinierend. Ein guter Bösewicht braucht gute Motive und eine gute Biografie um glaubwürdig zu sein. Das Argument „Ich bin böse, weil… äh… darum!“ zieht schon eine Weile nicht mehr.

Was ziehe ich jetzt als Autor aus dieser Analyse?
Genug geschwafelt, kommen wir zum Punkt: Bösewichte sind wichtig und sie sind viel interessanter als die Guten. Aber was fange ich mit dieser großartigen Erkenntnis nun an? Ganz einfach: Habt eure Bösen lieb! ;) Als Autor einer Geschichte muss ich meine Bösewichte irgendwo genauso lieben wie meine Helden. Oder wenigstens es genauso lieben, sie zu hassen, wie ich meine Helden mag. Denn dann kann ich mir besser überlegen, warum er oder sie was tut. Giert er nach Macht? Nach Reichtum? Oder sind seine Motive viel persönlicher? Rache? Hass? Trauer? Liebe? Aber genauso kann es auch faszinierend sein, einen Bösewicht zu haben, der als Gegenspieler zum Helden fungiert, weil es ihm Spaß macht. Jemand, bei dem Genie und Wahnsinn so eng beieinander liegen, dass man sich immer fragt, was bei dem eigentlich schief gegangen ist.

Seid kreativ! Denn wo kommen wir hin ohne ein nachvollziehbares Chaos, Verwüstung und Tod in unseren Lieblingsbüchern? Habt ein Herz für die Bösewichte, denn – Psst! – die sind viel cooler als die Guten!

Kommentare:

  1. Von der Idee her ein sehr guter Artikel und den Appell unterschreibe ich. Dennoch war es mir ein bisschen zu viel Schwarz-weiß-Malerei. Hinzu kommt das Gefühl, als würden hier die Begriffe Bösewicht und Antagonist sowie Held und Protagonist gleichgesetzt werden - das halte ich für verfehlt. Ich kann auch nicht zustimmen, dass eine Geschichte mit einem flachen Helden immer funktionieren kann (vorausgesetzt, er ist der Protagonist), wenn man nur einen komplexen Bösewicht hat (und wieder: vorausgesetzt es ist der Antagonist). Meine erfolgreichste Erzählung hatte einen übelst flachen Bösewicht und die Geschichte hat aufgrund der komplexen Helden dennoch funktioniert. Außerdem kann es durchaus Geschichten geben, in denen gar kein Bösewicht vorkommt, aber sehr wohl ein Antagonist (der vllt sogar der Held ist). Ich will nur sagen: Ich hätte mir eine etwas differenziertere Auseinandersetzung mit dem Thema gewünscht.
    Wie gesagt, ansonsten gut. Ich denke, viele Anfänger neigen dazu, den Bösewicht nicht genügend Motivation für seine Handlungen zu geben. Dieser Artikel rüttelt gut auf ;-)

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    1. Hey artificus :)
      Mit deiner Kritik hast du natürlich recht, auch wenn ich dir eigentlich vollkommen zustimme.^^
      Ich wollte das Thema eigentlich nur ein wenig kompirmiert überspitzt formulieren (und damit hat es wohl leider undifferenziert gewirkt) und damit auch nur auf die Konstellation Protagonist & Antagonist = Personen/Lebewesen beziehen bzw. sollte der Post ein Appell sein, die "Bösen" einer Geschichte nicht zu sehr abzubürsten, was gerade gerne bei Fantasy-Literatur geschieht.
      lg
      Hekabe

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  2. Ich habe da ein kleines Problem: Mein Protagonist soll für "Das Gute" kämpfen aber natürlich ist er selbst einem ethischen Problem und der Verführung durch die böse Seite ausgesetzt, an sich nicht schlimm, nur irgendwie entwickelt er sich nicht richtig, gibt es Tipps für böse Protagonisten?

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    1. Also mein persönlicher Tipp ist recht simpel: Kenne und liebe deine "bösen" Figuren. Auch ein Bösewicht ist nicht einfach böse, weil er Lust drauf hat. Er muss plausibel, nachvollziehbar sein und im besten Fall bin ich als Leser in der Position, dass ich mir bewusst bin, dass ich wahrscheinlich ähnlich handeln würde.
      Mein liebstes Zitat dazu, das ich auch gern als Faustregel für sowas benutze, ist von Tom Hiddleston, der ja u.a. den Loki in "Thor" gespielt hat: "Every villain is a hero in his own mind." Jeder Bösewicht macht etwas aus einer bestimmten Motivation heraus und das darf man auch als Autor nicht vergessen.
      Ich hoffe, das hilft dir weiter ;)
      lg
      Hekabe

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