Warum Politik und Weltgeschichte in Romanen nicht langweilig sein dürfen

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Cheshirepunk | 20 Dezember 2014 |
Viele Autoren meiden das Thema Politik wie der Teufel das Weihwasser. Die einen meinen es sei langweilig, die anderen wollen sich nicht in die Nesseln setzen und haben Angst davor, dass eine politische Einstellung des Erzählers oder einer Figur auf den Autoren zurückfällt. Die Angst vor dem letzten Punkt kann und will ich an dieser Stelle nicht nehmen, weil ich die Autoren auch in der Verantwortung sehe sich politisch zu positionieren, aber darum soll es hier nicht gehen. Der Schwerpunkt dieses Artikels soll zum einen darauf legen, warum Politik und Weltgeschichte wichtig sind und wie man diese beiden Aspekte für den Leser spannend gestaltet.

Politik und Weltgeschichte umgeben uns die ganze Zeit und bestimmen unser Leben, auch wenn wir das oft nicht so bemerken oder bemerken wollen. Benzinpreise fallen und sinken, verändern damit Teilweise das Leben ganzer Familien, wenn der Verdiener oder die Verdienerin aus Kostengründen auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen muss, länger unterwegs ist und weniger Zeit für Partner und Kinder hat. Was hilft das jetzt einem Autoren? Es hilft dabei einen stimmigen Hintergrund zu schaffen. Warum sich ein Charakter entsprechend verhält. Eine allgemeine Wirtschaftskrise hat Einfluss auf das Verhalten der Betroffenen, ein Leben lang. Das sieht man noch heute bei den Kriegs- und Nachkriegsgenerationen. An diesem Punkt spannt sich der Bogen von der Politik und Weltgeschichte. Politische Entscheidungen und Gegebenheiten stehen immer im Kontext einer geschichtlichen Entwicklung. Wenn so ein Zusammenhang dargestellt wird, merkt das der Leser, wenn nicht richtig recherchiert wurde oder, bei Sci-Fi oder Fantasy, das World-Building nicht konsequent durchdacht wurde. Schlussendlich kann und sollte, je nach Genre, die Politik gern selbst Spannung erzeugen, nicht nur ihre Konsequenzen. Das fängt beim Krimi an, in dem der Kommissar aus politischen Gründen nicht ungehindert ermitteln kann oder weil er persönlich durch Familien-oder Bekanntenkreis kompromittiert ist (Familien- und Beziehungspolitik ist auch Politik), geht über Politik in Fantasyromanen durch finstere Intrigen, und endet natürlich im Agententhriller.

Hier sind wir mitten in der Frage, wie man Politik und die damit verbundene Weltgeschichte spannend gestalten kann. Der Kommissar kann durch äußere, politische Umstände in den Ermittlungen behindert werden oder er muss erst die Geschichte eines Landes ergründen, um Gewaltexzesse zwischen verschiedenen Migrantengruppen aufzuklären.

In der Fantasy haben wir die klassische Intrige durch Eifersucht und Machthunger, aber vielleicht hat der strahlende Held bei seinem Kriegszug einen Vater vor den Augen seines kleinen Jungen getötet. Alle Welt liebt den Helden, nur der ehemalige kleine Junge will ihn töten. Kann man besser eine überraschende, aber so nachvollziehbare Wendung in eine Handlung einbauen? Aber auch Wirtschaftspolitik muss in der Fantasy nicht Fehl am Platz sein. Der gerechte und weise König will die Steuern für eine Handwerkszunft erhöhen, die vorher steuerlich entlastet worden war. Usurpatoren versprechen den Handwerkern die Abgaben wieder zurückzunehmen, wenn sie an die Macht kämen. Die reichen Handwerker engagieren Mörder und schon hat man eine wunderbare Haupt- oder Nebenhandlung.

Das sind zwei Beispiele, aber prinzipiell liegt der Schlüssel zum Erfolg bei der spannenden Darstellung von Politik und Weltgeschichte in Romanen darin, Charaktere in den jeweiligen Prozessen zu zeigen, beziehungsweise sie mit ein zu beziehen. Hier greift das Prinzip „Show don't tell“. Es gibt hierbei zwei Möglichkeiten, entweder zeigt man wie genau die politischen Umstände einen oder mehrere Charaktere betreffen. Beispiel hierfür wäre, dass morgens im Radio berichtet wird, dass die Firma in der der Vater angestellt ist, überraschend Pleite gegangen ist. Der Vater fängt an zu saufen, schlägt seine Familie, das Kind vergisst es nie und sucht ein Leben lang den Schuldigen für den Bankrott. Das kann die Haupthandlung sein, aber auch eine Hintergrundinfo zu einem Polizeikommissar, warum er nie so ganz Leuten aus der Wirtschaft und Managern trauen kann.

Die andere Möglichkeit wäre einen Sprung in eine Nebenhandlung oder Rückblende zu machen und  genau die Situation zu schildern, in der eine bestimmte politische Entscheidung gefallen ist. Ein schwitzender Politiker, der eigentlich gegen einen Gesetzesvorschlag stimmen wollte, aber von einem bestochenen Kantinenkoch mit Abführmittel versetztes Essen bekommen hat und deswegen nicht zur Abstimmung erscheinen oder seine Rede halten kann.

Der Titel dieses Artikels endet mit „sollte“. Man kann sicherlich einen Roman auch schreiben, ohne groß auf politische Hintergründe und die Weltgeschichte einzugehen. Man kann sicherlich auch so einen guten Roman schreiben, aber meiner Meinung nach braucht man es, wenn man einen SEHR guten Roman schreiben will. Politik und Weltgeschichte geben der Welt im Roman eine lebendige Tiefe, bieten sich für spannende - und vor allem glaubhafte - Wendungen und Nebenhandlungen an.

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