Warum man seinen Charakter nicht behüten, sondern in die Welt hinauslassen sollte

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Thomas Williams | 14 Dezember 2014 |
Im Schreibnacht-Forum gab es einmal die Frage, ob wir unseren Figuren irgendetwas niemals antun würden. Ich wusste sofort, was ich antworten würde: Ich tue meinen Charakteren alles an!

Ich nehme ihnen alles und jeden, den sie lieben, drehe sie durch den Fleischwolf, schmettere sie gegen die Wand und verpasse ihnen einen Nippelzwirbler dritten Grades. Warum? Weil es spannend ist. Stellt euch doch nur mal vor, ihr lest ein Buch, in dem der Hauptfigur alles gelingt. Sie macht keinen Fehler, hat immer Glück und geht am Ende in den Sonnenuntergang, ohne auch nur einmal etwas riskiert zu haben. Wozu dieses Buch lesen, wenn da kein Spannungsbogen ist?

Ist der Prota dem Leser sympathisch, baut er eine Verbindung zu ihm auf und hofft, dass ihm nichts passiert. Wer wünscht Menschen die er mag, schon etwas Schlechtes? Der Leser beginnt also mit der Figur zu leiden und hofft, dass es wieder bergauf mit ihr geht. Das darf natürlich nicht so schnell passieren, denn der Leser soll ja am Ball bleiben. Verliert der Prota also eine Hand, kann ich ihn nicht einfach sagen lassen: "Kein Problem. Hab ja noch eine." Wird sein/e Geliebte/r vom Bus überfahren, sollte die Figur nicht sagen: "Wir kannten uns 40 Jahre. Irgendwann musste es wohl so kommen." Wir begleiten den Prota in seinem Schmerz und der Leser tut das gleiche.

Ebenso fühlt er sich erleichtert, wenn wir ein Erfolgserlebnis zulassen. Zuerst nur kleine und sollte die Geschichte ein Happy End haben, natürlich auch ein größeres. Jedoch streuen wir sie nur dezent, denn wie gesagt, es ist spannender den Charakter zu quälen. Ich selber sehe mich immer als Autor und Leser zugleich. Das heißt, ich überlege, wie ich als Leser auf die Geschichte, die ich schreibe, reagieren würde. Tut mir die Figur in dieser einen Szene leid? Bin ich erleichtert, wenn ich hundert Seiten später schreibe, wie er seine verloren geglaubte, große Liebe wieder in den Arm nehmen kann?

Es muss nicht immer gut für den Prota enden. Er kann am Ende auch lebendig begraben sein, ohne Hoffnung jemals gefunden zu werden. Solche Enden bleiben dem Leser oft mehr im Gedächtnis, als eines, mit Ponyhöfen und Regenbögen. Und so ist es auch mit Szenen, in denen der Charakter leidet. Wir behalten besser im Gedächtnis, dass er vor seinem brennenden Haus steht, als die Szene, in der er sich über seinen Lottogewinn freut. Vielleicht steckt in jedem von uns ein kleiner Sadist, der befriedigt werden will. Vielleicht ist es aber auch wirklich nur so, dass wir spannende Geschichten lieber mögen als solche, die vor sich hinplätschern.

Schließlich spielt in den Comics auch Pechvogel Donald Duck die Hauptrolle und nicht Glückspilz Gustav Gans. Wäre ja sonst auch langweilig.  

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