Ich oder Sie? Er oder ich? – Über die Wahl der Erzählperspektive

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Sabrina S. | 23 März 2015 |

Die Erzählperspektive ist ein Thema, das meistens nicht großartig erörtert wird. Während man in deutschen Klassikern in der Schule noch herausfinden musste, um welche Perspektive es sich handelt und warum der Autor diese gewählt hat, wird die Wahl der Sichtweise heute kaum noch analysiert. Dabei stehen einige Fragen hinter der Wahl der Erzählperspektive: Welche Figuren sollen zu Wort kommen? Wie oft will ich die Perspektive wechseln? Welche Erzählform ist passend?

Wenn Autoren ihre Entscheidung bezüglich der Perspektive nicht intuitiv nach Vorlieben oder emotionaler Nähe zu den Protagonisten wählen, gibt es andere Faktoren, die berücksichtigt werden sollten. Denen gehen wir jetzt auf den Grund.

Die Hauptfiguren:
Bevor die Perspektive gewählt werden kann, muss erst einmal bestimmt werden, welche Figuren in der Geschichte eine Rolle spielen. Egal ob man Outliner oder Discovery Writer ist, man braucht am Anfang die Gewissheit, wer der Protagonist ist. Meistens wird aus dessen Sicht geschildert, was passiert. Doch was tun, wenn eine Perspektive nicht ausreicht? Wenn man schildern will, was der Antagonist gerade für böse Pläne schmiedet? Oder wenn ein Freund des Protagonisten entführt wird und man erzählen will, was mit ihm passiert?

Die Antwort könnte simpel lauten: Dann einfach die Sichtweise wechselnGanz so leicht geht das aber nicht, behaupte ich. Warum? Weil man für gewöhnlich die Erzählperspektive an einem roten Faden entlang führt. Egal ob Perspektivenwechsel oder nicht, man zieht es durch einen Roman hindurch. Für eine Szene mal zu einem anderen Charakter wechseln und sonst alles aus der Sicht einer Figur zu schreiben, das sollte man lieber vermeiden.

Mein Tipp: Lieber gleich von Anfang an festlegen, welche Charaktere zu Wort kommen sollen. Ist es nur einer, kein Problem. Sind es mehrere, dann alle von Zeit zu Zeit erzählen lassen.
Ausnahme: Man bringt alle Erzähler bis auf einen im Laufe der Handlung um. Das ist natürlich auch eine Option, um den Perspektivenwechsel zu reduzieren.

Die Erzählperspektive:
Wenn man festgelegt hat, welche Figur oder welche Figuren durch das Geschehen leiten, wird es Zeit, sich zu fragen, wie man die Geschichte erzählen will. Soll es einen Ich-Erzähler geben oder benutze ich lieber eine personale Form? Oder ist die auktoriale Perspektive passend?
Hier ein paar Tipps, welche man warum wählen sollte:
  • Ich-Erzähler: Reicht die Sicht einer Figur aus und will man deren Gedanken, Gefühle und Handlungen schildern, dann ist dieser Erzähler sinnvoll. Vor allem günstig ist die Ich-Perspektive, wenn der Protagonist Geheimnisse anderer Personen aufdecken muss und der Leser miträtseln soll.
  • Personaler Erzähler: Wenn die Sicht wechseln soll, ist grundsätzlich der personale Erzähler eine gute Option. Man muss nicht einmal über dem Absatz oder am Kapitelanfang kenntlich machen, wer spricht, denn der Name wird ständig erwähnt. Man benutzt ihn grundsätzlich dann, wenn sich mehrere kleine Geschichten zu einer großen zusammenfügen. Oder wenn die Hauptfiguren örtlich voneinander getrennt sind, man aber nicht darauf verzichten will, das Erlebte eines Charakters zu erzählen.
    Der personale Erzähler kann auch unter anderen Umständen auftreten. Zum Beispiel als „unzuverlässiger Erzähler“, der mit seinen Kommentaren den Leser in die Irre führt – entweder weil er selbst keine Ahnung von der Geschichte hat oder weil er den Leser zu manipulieren versucht. Diese Form trifft man jedoch auch relativ selten an.
  • Auktorialer Erzähler: Die allwissende Erzählform wird eher zu einer Rarität in der heutigen Literatur. Gedanken und Gefühle mehrerer Personen innerhalb von Absätzen durcheinander zu würfeln und epische Vorausdeutungen wie „Dass es anders kommen würde, konnte sie in diesem Moment noch nicht ahnen.“ sind nicht mehr in Mode. Sowohl Leser als auch Autor folgen lieber einem roten Faden des Erzählens, das ist weniger verwirrend.
  • Ich + Ich: Natürlich kann man auch zwei Ich-Erzähler miteinander kombinieren. Dann muss allerdings kenntlich sein, wer gerade spricht. Wobei auch hier Ausnahmen existieren, denn in manchen Genres soll der Leser mitraten, wer gerade erzählt (z.B. wenn ein Mord passiert). So kann außerdem deutlich gemacht werden, wie zwei Figuren zueinander stehen. (Lässt sich allerdings auch auf personale Weise umsetzen.)
  • Ich + Er + Sie: Einen Ich-Erzähler und mehrere personale Erzähler zu haben, ist eher selten. Aber auch das ist eine Möglichkeit, um viele Sichtweisen zu schildern, dabei jedoch den Protagonisten hervorzuheben. Dabei muss allerdings klar dabei stehen, wer gerade zu Wort kommt. (Lässt sich ebenso in eine rein personale Erzählform abändern.)

Hat man die Hauptfiguren bestimmt und die Erzählperspektive gewählt, steht dem Schreiben nichts mehr im Weg. Und sollte man sich währenddessen unsicher werden, ob die gewählte Perspektive die richtige ist, keine Sorge, die lässt sich jederzeit ändern.

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