Das magische Beziehungsdreieck

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Cleo Johnson | 01 April 2015 |

In einer guten Geschichte, die den Leser berührt und mit sich reißt, kommt es auf viele Komponenten und deren Umsetzung an – angefangen bei den Charakteren über den Plot bis zum Setting. Worauf es jedoch bei jeder Geschichte ankommt, sind die Verbindungen zwischen diesen Bestandteilen, der unsichtbare Faden, der den Protagonisten mit seiner Heimatstadt verbindet, selbst wenn er am anderen Ende des Kontinents sein Geld verdient, so auch die Beziehungen der Figuren untereinander.

Ein Plot, der sich hauptsächlich zwischen zwei Figuren – dem Helden und dem Bösewicht – entwickelt, kann zweifellos gelingen und auch fesseln, er kann aber auch statisch und ermüdend werden. Gehen wir einfach mal davon aus, ich hätte meine Geschichte bereits auf dem Reißbrett entworfen, die Charaktere schon etwas schärfer umrissen und die Handlung festgelegt. Doch irgendwie kommt mir meine Geschichte etwas zu platt vor, wenn der Held mit seinem Gegenspieler nur Ping Pong spielt und sich beide um sich selbst drehen. Was kann ich da tun?

Die Lösung: Eine dritte Figur ins Spiel bringen. Doch wer sollte das sein?

Bevor ich aber genau erkläre, wer diese dritte Figur sein kann, möchte ich noch einmal kurz umreißen, welche Aufgaben Prota- und Antagonist in einer Geschichte haben.

Protagonist und Antagonist: Ziel und Hindernis
Für den Helden ist es nicht in erster Linie wichtig, dass er die Welt rettet, sondern, dass er eine Entwicklung durchmacht, an seinen Aufgaben wächst, Hindernisse überwindet und aus seinen Fehlern für die Zukunft lernt – und das am besten mit Einfallsreichtum und Ausdauer. Damit mein Protagonist seine Fähigkeiten auch unter Beweis stellen kann, braucht er jemandem, der sich zwischen ihn und sein Ziel stellt. Jemanden, der genauso einfallsreich und ausdauernd ist, wie er selbst – der Bösewicht. Zwischen diesen beiden entwickele ich die Handlung. 

Nun ist es, wie eingangs schon gesagt, recht eintönig geworden. Deshalb möchte ich eine dritte Figur in die Handlung einführen. Eine Figur, die meinem Helden dabei hilft, seine Entwicklung zu gestalten. 

Da fällt mir ein passendes Zitat aus dem Buch Blind Walk (Patricia Schröder) ein: „Man trifft genau die Menschen, die wichtig für einen sind, um Zusammenhänge zu verstehen, ein bisschen mehr über sich selbst zu erfahren und vielleicht auch ein paar Dinge ändern zu können.“ Die Beziehungsfigur bringt eine andere Perspektive in die Handlung und eine andere Sichtweise auf den Protagonisten, da sie mit ihm kommunizieren und auch über in sprechen.

Wer oder was ist nun die Beziehungsfigur?
Die Beziehungsfigur kann jede erdenkliche Form annehmen, häufig sind sie jedoch Freunde, Gefährten oder Geliebte des Protagonisten. Eine Figur, die er respektiert und auf dessen Rat, er auch hören würde. Das muss aber nicht so sein. Auch ein Gegenspieler der Hauptfigur kann eine Beziehungsfigur sein, auch wenn diese dem Helden eher unfreiwillig beim Erreichen des Ziels helfen wird oder das Ziel ist etwas, das für die Hauptfigur (auf den ersten Blick) nicht unbedingt erstrebenswert ist. 

Das klassische Beziehungsdreieck ist wohl Sherlock Holmes – Dr. Watson – Prof. Moriarty. Watson ist Holmes‘ Anker in der Alltagswelt, sein Wegweiser für die Feinheiten der Gesellschaft, die dem Genie abhanden gehen und damit auch die Verbindung vom Leser zum Protagonisten. 

Bei Arthur Conan Doyles berühmten Romanen und Kurzgeschichten, ist die Aufgabe der Beziehungsfigur recht simpel: Sie hilft Holmes‘ beim Lösen seiner Fälle, in dem er eine neue Perspektive beisteuert, die Holmes‘ ohne ihn nicht bemerkt hätte. In den Verfilmungen von Regisseur Guy Ritchie (in den Büchern hatte ich bisher noch nicht das Vergnügen auf Moriarty zu treffen) ist Watson gleichzeitig ein Druckmittel für Prof. Moriarty. Auch wenn man es Holmes‘ auf den ersten Blick nicht ansieht und er es auch niemals zugeben würde, ist Watson sein treuester Freund, den er liebt und ehrt. Und als Prof. Moriarty indirekt droht, Watson ermorden zu lassen, setzt Holmes‘ nun alles daran, Watson zu retten und Moriarty aufzuhalten. Klassisch, aber in meinen Augen gut. 

Ähnlich verhält es sich da bei Harry Potter. Harry als der Protagonist, Voldemort als sein Gegenspieler und Ron und Hermine – seine besten Freunde – als Beziehungsfiguren. Denn eines ist klar, ohne die Fähigkeiten und Perspektiven, die Ron und Hermine, und all die anderen wunderbaren Charaktere mit in die Geschichte gebracht haben, hätte Voldemort wohl nicht besiegt werden können. 

Aufgaben der Beziehungsfigur
  • Sie hilft dem Protagonisten beim Erreichen des Ziels bzw. macht ihn darauf aufmerksam worin das Ziel überhaupt besteht, was sie auch unbewusst oder gegen ihren Willen tun kann. 
Zum Beispiel, hätte Frodo niemals ohne Sam den Schicksalsberg erreicht, um den Einen Ring ins Feuer zu werfen. Ohne Sam als unerschütterlichen Freund, wäre Frodo wohl schon Meilen vor dem Schicksalsberg der Finsternis des Rings verfallen, denn Sam ist derjenige, der ihn, an seine Mission und deren Wichtigkeit erinnert. Ebenfalls ein Klassiker, aber dennoch wirkungsvoll.
  • Sie hilft dem Helden beim Lösen des Konflikts, wiederum kann dies auch mehr oder weniger unbeabsichtigt geschehen. 
  • Mit diesen beiden Punkten hilft sie der Hauptfigur also zu wachsen oder eine Veränderung durchzumachen. 
Somit ist das magische Beziehungsdreieck zwischen Held-Beziehungsfigur-Bösewicht für mich einer der vielen Schlüssel zu einer guten Geschichte.

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