Szenenguide | Der perfekte Anfang: Die erste Szene

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Tinka Beere | 13 April 2015 |

Alle reden immer von dem perfekten ersten Satz. Doch auch die weiteren Sätze bis hin zum Ende der ersten Szene sind wichtig, damit der Leser das Buch nicht zur Seite legt. Ich möchte euch heute ein paar Tipps geben, wie ihr die perfekte erste Szene schreiben könnt. 

Welche Aufgabe muss der Anfang einer Geschichte erfüllen? Die wichtigste ist, dass der Leser weiterlesen muss, ohne das ihm eine Wahl bleibt. Außerdem führt er den Leser in die Geschichte ein, beschreibt die Ausgangssituation und den oder die Charaktere. Es gibt zwei Möglichkeiten eine Geschichte anzufangen: Mit einem Prolog oder direkt mit der Geschichte. Ich habe mich für meinen ersten Roman gegen einen Prolog entschieden. Doch die Wahl liegt bei jedem selbst.

Ein Prolog ist in der Literatur eine Einleitung oder eine Vorgeschichte, die nur mittelbar etwas mit der Geschichte an sich zu tun haben muss. Meistens hebt ein Prolog sich zeitlich von der Haupthandlung ab, oft sind andere Charaktere involviert.

Um euch zu verdeutlichen, was ein Prolog kann, möchte ich euch ein Beispiel geben – es ist nur der Anfang:

Venedig, 1499
Hallo!
Zuerst das Wichtigste:
Mein Name ist Anna. Ich habe drei Mal versucht, meinen vollen Namen und mein Geburtsjahr hinzuschreiben, aber es geht nicht.
Ich weiß sowieso nicht, ob ich noch viel schreiben kann. Allein für die ersten Sätze habe ich fast eine Stunde gebraucht und keiner davon ist stehen geblieben. Das liegt natürlich daran, dass ich zu unvorsichtig war. […] Zeitenzauber: Die magische Gondel, Eva Völler

Der Prolog ist in diesem Zeitreiseroman ein Brief, wurde mehrere hundert Jahre vor der eigentlichen Geschichte geschrieben, aber erst zum Zeitpunkt der Geschichte. Durch das spätere Finden des Briefes in der Geschichte sind die beiden miteinander verbunden.

Doch ein Prolog sollte nicht geschrieben werden, nur um einen Prolog zu haben. Nicht jede Geschichte braucht einen Prolog.

Kommen wir zunächst kurz auf den ersten Satz zurück. Der zweite Satz (und auch alle Folgenden) bilden mit ihm eine Einheit. Um euch zu zeigen, was ich meine, ist hier für euch einer der berühmtesten Anfänge der Literatur:

In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit. Nicht in einem feuchten, schmutzigen Loch, wo es nach Moder riecht und Wurmzipfel von den Wänden herabhängen, und auch nicht in einer trockenen, kahlen Sandgrube ohne Tische und Stühle, wo man sich zum Essen hinsetzen kann: Nein, das Loch war eine Hobbithöhle, und das heißt, es war sehr komfortabel.              Der Hobbit, J. R. R. Tolkien

Kein Satz in einer Szene kann für sich stehen, auch nicht der erste. Darum nützt euch ein brillanter erster Satz nichts, wenn es nicht genauso brillant weiter geht.

Die erste Szene ist eine ganz normale Szene und daher braucht sie auch Handlung, Charaktere, einen Konflikt, Anfang, Höhepunkt und Ende. Pure Beschreibungen des Wetters, Protagonisten etc. pp. werden mittlerweile als langweilig und abgedroschen bezeichnet. Lass etwas passieren, was Fragen aufwirft: Warum tut der Protagonist das? Wo ist der Protagonist? Wie schafft er es, sich aus der Situation zu befreien? Was könnte wohl als nächstes passieren?

Fragen wollen beantwortet werden, das bringt den Leser dazu, weiter zu lesen. Wer will bei dem Anfang vom Hobbit nicht gleich das Buch in die Hand nehmen und weiterlesen?

Wie bei jeder anderen Szene gilt: Fange so spät wie möglich an und höre so früh wie möglich auf. Auch ich neige dazu, eine Szene länger zu schreiben als notwendig. Es passiert nichts mehr und ich schreibe immer noch weniger. Ebenso sollte man auch hier in der Überarbeitung streichen, was nicht wichtig ist.

Wenn du mit dem Alltag deines Protagonisten anfängst und seine Welt der unseren sehr ähnlich ist, pass auf, dass du dich nicht in Alltäglichem verlierst. Mittlerweile ist der Klischee-Anfang schlechthin, wie der Protagonist in seinem Bett liegt, gerade noch geträumt hat (der Prolog?), dann aufsteht, sich anzieht ins Bad geht, um sich für den Tag fertig zu machen, in den Spiegel blickt, sich selbst sieht und beschreibt … LANGWEILIG!! Ich hoffe du verstehst ;-)

In der ersten Szene gilt noch mehr als in anderen Show don't tell. Zeige dem Leser deine Welt, deine Charaktere, deine Geschichte.

Vermeide dabei Infodump! In der ersten Fassung kann es passieren, dass du vor allem am Anfang möglichst viel von deiner Welt, deinem Protagonisten, … erzählen möchtest. Das ist erst einmal ok. Doch zu viele Informationen im fertigen Manuskript können den Leser schnell langweilen. Versuche in der Überarbeitung darauf zu achten, dass du dem Leser nicht mehr verrätst, als das, was er wissen muss.

Auch wie J. R. R. Tolkien mit Informationen umgeht, könnt ihr im obigen Beispiel schon erkennen. Wenn ihr die Filme oder das Buch kennt, dann wisst ihr, dass eine Menge passiert. Aber hier beschränkt sich der Autor auf das Wesentliche und auf das, was wirklich wichtig ist. Er fängt wortwörtlich ganz klein an.

Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben. Harry Potter und der Stein der Weisen, Joanne K. Rowling

Im Beispiel von Harry Potter hat Joanne K. Rowling es sehr geschicktes angestellt Harrys Tante und Onkel zu beschreiben, bei denen er aufgewachsen ist und sie deutet an, dass diese Geschichte merkwürdig und geheimnisvoll sein wird. Diese Art von Prophezeiung fesselt den Leser wohl am meisten an ein Buch, da sie eine sehr große Versprechung macht, die hoffentlich auch erfüllt wird.

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