Das Geheimnis wirklich spannender Szenen: Spät rein, früh raus

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Thomas Williams | 13 Mai 2015 |


„Fenster und Türen verschlossen. Ich habe Vorräte gesammelt und das Telefon ausgestöpselt. Niemand wird mich heute Nacht stören. Ich bin ganz alleine und kann meinen Plänen nachgehen. So habe ich es gewollt.“

Vielleicht ist es euch schon mal aufgefallen. Viele Bücher und Filme beginnen mitten in einer Szene und diese endet meistens in einem Konflikt. Das erste Opfer fällt dem Täter in die Hände. Der Held bekommt einen wichtigen Anruf, der ihn ins Geschehen holt. Hierbei geizen wir noch mit Informationen, um schnell vorwärts zu kommen, denn das Tempo nimmt den Leser sofort gefangen. Er will wissen, wie es weiter geht.

Entkommt das Opfer später noch oder wird seine Leiche gefunden? Was hat es mit dem Anruf auf sich, der den Helden so entsetzt?

Der Leser blättert weiter, gefangen von eurer Geschichte, die bereits auf der ersten Seite zu leben begonnen hat. Die wirklich wichtigen Details können wir ihm nach und nach servieren. Doch zu Beginn schmälert es einfach den Lesefluss. Der Held hat eine Laktose-Intoleranz. Waaaahnsinn, kann aber auch in einem Nebensatz fallen gelassen werden. Auch ist es nicht wichtig, was für Gewohnheiten er hat, denn die werden wir ihn nach und nach zeigen lassen. Erst einmal taucht er in der Geschichte auf und agiert, wie er eben soll. Durch seine Art mit anderen Menschen umzugehen oder zu reden, hat der Leser auch gleich schon einen Eindruck von ihm.

„Ich fahre den Computer hoch, öffne eines meiner vielen Dokumente und lese mir durch, was ich zuletzt geschrieben habe. Im Hintergrund läuft Musik. Wahrscheinlich waren meine Mitstreiter schon fleißig. Über das Internet halte ich sie auf dem Laufenden. Das WLAN ist mein einziger Kontakt zur Außenwelt. Ich brauche die anderen, um am Ball zu bleiben. Sie helfen mir, meinen Plan zu verwirklichen.“

Wir können mehr der Phantasie des Lesers überlassen, als wir oft glauben. Es muss nicht jeder Duft und jede Farbe beschrieben werden. Das ist nicht wichtig. Eine spannende Szene lebt davon, dass wir spät einsteigen. Wir arbeiten uns bis zu dem entscheidenden Konflikt vor und lösen ihn, um die Szene dann schnell wieder zu verlassen und unserem Leser eine Verschnaufpause zu gönnen. Wir lassen ihn an der spannendsten Stelle zappeln und heben uns den Höhepunkt für später auf. So oder so, wir haben den Leser schon mal an der Angel, denn er ist entweder von dem spannenden Einstieg überzeugt oder er will einfach wissen, wie sich das alles entwickelt.

Der Konflikt ist gelöst, aber wie wirkt er sich auf den Rest der Geschichte aus? Der Konflikt ist nicht gelöst, aber wann und wie entwirrt er sich?

Nehmt ein Buch in die Hand, das ihr mögt. Persönlich kenne ich kaum eines mit einem langsamen Einstieg. Im Kino fangen Thriller, Krimis und Actionfilme oft nachts mit bedrohlicher Musik an. Oder es wird mit Explosionen und all so einem Zeugs um sich geworfen. Wie dem auch sei, der Leser/Zuschauer ist direkt Teil des Geschehens. Die Geschichte ist bereits in vollem Gange und langweilt ihn nicht. Genau das erwartet er von einer spannenden Szene.

Wenn du für dich selbst beim ersten Versuch zu viele Informationen benutzt, ist das völlig okay und normal. Du verwendest sie zuerst einmal nur für dich, lernst deine Figuren und ihre Umgebung kennen. Das kannst du später immer noch ändern und die Details verteilen und Unwichtiges weg lassen. Versetz dich in den Leser deiner Geschichte und überleg, was wichtig für ihn ist. Würde die geschriebene Szene dich langweilen oder dazu bringen, weiter zu lesen? Du bist Leser und Autor zugleich. Nutze das und sieh deine Geschichte mit den Augen einer anderen Person, um zu entscheiden, ob eine Szene wirklich spannend wirkt. Testleser helfen dir dabei, dies richtig einzuschätzen.

„Es ist schon spät, aber ich bin zufrieden und habe mein Ziel erreicht. Nach und nach verabschieden sich die anderen, erschöpft von ihren begangenen Taten. Auch ich sehne mich nach ein paar Stunden Schlaf und verabschiede mich. Es war wieder einmal eine erfolgreiche Schreibnacht.“

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