Kolumne | Orkhexer, Drachen, Götter und das alte Problem mit dem Fokus

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Hekabe OhneName | 22 Mai 2015 |


Rumms.
Mein Kopf knallt auf die Tischplatte, nur knapp am Laptop vorbei, während ich ein genervtes „Hrmpf… argh!“ vor mich hin murmle. Auf dem Bildschirm flimmert mir vorwurfsvoll ein leeres Textfeld der Notizbuchsoftware meiner Wahl entgegen als wollte nun schon selbst das Programm fragen, warum ich mir das eigentlich antue.

Knapp siebzig Notizen umfasst der Ordner, den ich aktuell geöffnet habe und mit dem ich theoretisch einmal meine Dauerbaustelle, einen High Fantasy-Roman, plotten wollte. Siebzig Notizen, in denen ich akribisch die religiösen Strömungen, Handelsrouten und politischen Beziehungen eines fiktiven Kontinents festgelegt habe. Auch die wichtigsten historischen Ereignisse stehen, wenn auch eher in groben Zügen, und sogar ein paar Quellen für Legenden und Lieder sind ausgearbeitet. 
Nur keine Storyline. Keine Figur, keine Handlung, kein großes Drama, nur die unendlichen Weiten einer Welt, die ich gedanklich bis in ihre verwunschensten Winkel kenne.

Ich befinde mich in diesem unglücklichen Stadium des Schreibens, den wohl die meisten Schreiberlinge, die sich mal an Fantasy, Sci-Fi oder Dystopien gewagt haben, kennen dürften: Dem der kompletten Reizüberflutung. Wenn die Welt, in der sich die eigentlichen Figuren später bewegen sollen, schon steht, der Rest aber nicht so in Gang kommen will. Wo liegt das Pulverfass, das die Story mit einem Knall beginnt? Wer ist der große, böse Antagonist, der die Helden vernichten will?
Ist es ein durchgeknallter Orkhexer, dem irgendein fanatischer Furz quer sitzt, oder doch die zickige Göttin, die sich nicht genug verehrt fühlt? Und überhaupt: Drachen! 
Müssen die nicht überall vorkommen? Ist das nicht ein ungeschriebenes Genre-Gesetz? Vielleicht sollten die sich mit der Göttin und dem Ork und seiner Armee verbünden! Genügend Drama gibt das auf jeden Fall, vielleicht…

Ich hebe den Kopf wieder und hole einmal tief Luft. Nein, ganz ruhig, jetzt nicht vollkommen abdrehen. In Momenten wie diesen muss ich mich immer an ein Zitat des genialen Patrick Rothfuss erinnern, der als ein Meister des Fantasy das Problem des Genres einmal wunderbar auf den Punkt gebracht hat:

Don’t get me wrong, magic is cool. But a nervous mother singing to her child at night while something moves quietly through the dark outside her house? That’s a story. Handled properly, it’s more dramatic than any apocalypse or goblin army could ever be.“ (Patrick Rothfuss im Interview mit Publisher Weekly 2011)

Also ruhig bleiben. Durchatmen. Es muss nicht zwangsweise Shr’oulag al Zwramzdk’kal gleich eine Orkarmee ausheben und die Weltherrschaft anstreben. Ruhig bleiben und einen Schritt zurück machen. 
Nachdenken. Und dann noch einmal in Ruhe die Storyline angehen.

Aber natürlich ist das so unendlich leicht gesagt und so unendlich schwer getan. Schließlich bleibt mein Problem dasselbe: Ich finde keine Möglichkeit, meinen Fokus zu lenken.
Nein, ich will meine Welt ausbauen, sie erkunden, mir die letzten Ecken und verschlafensten Käffer vorstellen und planen. In dieser Welt gibt es tausend Möglichkeiten, wie es (auch ohne Orkhexer) weitergehen könnte. Im Westen gibt es ein unterdrücktes Sklavenvolk, im Norden politische Spannungen, weil zwei Zwillingsbrüder um einen Thron streiten und im Süden wartet ein geächteter Magierorden darauf, unsagbares Böse zu erwecken. Wo setze ich also an?
Wie um alles in der Welt entscheide ich mich?

Ich stoße ein weiteres jammervolles Stöhnen aus.
Vielleicht sollte ich es auch einfach einsehen: Ich kann mich nicht entscheiden. Schon seit fast zwei Jahren ändere ich immer wieder jeden noch so zarten Anfang einer Geschichte innerhalb von ein paar Wochen. Und auch wenn die Götter meinen Kontinent nicht einfach abfackeln, vielleicht sollte ich es einsehen, dass sich da keine Story ergeben wird.
Oder einfach dasselbe machen wie immer: Ein bisschen in Selbstmitleid baden, ein bisschen jammern und dann zwei Wochen warten, um einen neuen Versuch zu starten.

Euch fallen noch andere Probleme ein, die typischerweise nur Autoren haben? Tweetet sie mir doch an @hekabeohnename oder teilt sie mir über diesen Thread im Forum mit! 

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