Schreibübung | Beobachten & Zuhören

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Isabell Dieckmann | 15 Mai 2015 |

Jeder Mensch geht durchs Leben und nimmt seine Umgebung wahr, doch als Schriftsteller braucht es ein wenig mehr. Man sieht nicht nur, sondern nimmt bewusst wahr und beobachtet. Man hört nicht nur, sondern hört zu. Was man erlebt hat, kann man den Leser nachempfinden lassen, um eine nur umso realistischere Leseerfahrung zu bieten. Und mit den gesammelten Eindrücken, verleiht man der Geschichte Tiefe. 

Es ist wie bei einem Uhrwerk, in dem selbst die kleinsten Zahnräder und Federn ihren Platz haben und ineinander greifen. Je mehr Teile man einsetzt, umso komplexer und schöner wird das Werk, denn genau diese kleinen Teile machen eine Geschichte lebendig.


Wie fühlt sich der Wind auf deiner Haut an? Wonach riecht frisch gemähtes Gras und wie riecht ein Sommertag in der Großstadt? Wie hören sich Feuerwerk und Sirenen an, und wie ein Schwarm zwitschernder Schwalben? Wie unterscheidet sich der Gang eines Zehnjährigen von dem eines Vierzigjährigen?

Man sammelt Ideen, die durch alle gemachten Beobachtungen entstehen, durch Dinge, die man erlebt. Jede Erfahrung bietet die Möglichkeit, Menschen genauer unter die Lupe zu nehmen. Und jeder Moment birgt das Potential für neue Ideen. Wie also seine Umgebung bewusster wahrnehmen?


Übung 1:
Suche dir eine Farbe aus. Dann geh spazieren und achte dabei auf diese Farbe. Wo kommt sie vor? Was hat diese Farbe? Welche Besonderheiten hat es? Mach dir Notizen dazu. Wenn du wieder zu Hause bist, beschreibe die Dinge von deinem Spaziergang so lebendig wie möglich in einem kurzen Paragraphen.

Übung 2:
Gehe an einen öffentlichen Ort - in einen Park, die Bibliothek, dein Lieblingscafé - und notiere deine Beobachtungen. Behalte die Menschen im Auge. Können sie Charaktere in deinem nächsten Buch werden? Übe schnelle, dezente Beobachtungen, die Frisur, Kleidung, Schuhe, Schmuck, Gang und Ausdruck enthalten, zu machen. Pick dir einige Leute heraus. Was macht sie so besonders? Wie reden, trinken, sprechen sie? Wie verhalten sie sich?


Übung 3:
Schaue dir die Umgebung genau an, wenn du unterwegs bist. Könnte hier eine Szene deines Romans spielen? Was sticht an diesem Ort hervor? Benutze alle Sinne: Was fällt ins Auge? Wonach riecht es? Was hörst du? Was kannst du fühlen? Und was schmecken? Wie ist die Atmosphäre? Wie bewegen sich die Menschen an diesem Ort?

Übung 4:
Wenn du einmal nicht aus dem Haus kommst, versuche einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Wie würde ein Fremder die gewohnte Umgebung wahrnehmen?

Übung 5:
Setze dich an einen belebten Ort. Es kann ein Café, ein Bus, ein Park, die Uni sein. Hierbei geht es ums Zuhören. Picke dir ein Gespräch heraus und schreibe Stichpunkte mit. Vielleicht Satzfragmente, einzelne Worte, Sätze. Um was ging es? Wie unterscheiden sich die Gespräche zweier 14 Jahre alter Mädchen von dem einer jungen Frau in den Zwanzigern am Handy? Welche Wörter benutzen sie? Wie unterscheidet sich das Vokabular? Die Satzstruktur? Wie ist dabei ihre Körpersprache? Gibt es Unterschiede im Wortschatz beider Geschlechter?



Hier nochmal die drei Punkte im Überblick:
  • Wortwahl: Werden Worte benutzt, die nicht deinem Vokabular entsprechen? Welche Worte werden häufig benutzt?
  • Satzstruktur: Sprechen sie schnell? Langsam? Spezifische Satzstrukturen, die sich wiederholen?
  • Körpersprache: Beobachte, wie sie sich bewegen. Wohin gehen ihre Blicke? Was tun ihre Hände? Ihre Füße? Bewegen sie sich viel oder sitzen sie still?


Übung 6:
Wenn du das nächste Mal isst, mache dir nebenbei Notizen. Wie schmeckt scharf? Wie schmeckt süß? Fettig? Sauer? Welche Gewürze kannst du rausschmecken? Versuche auch ruhig anderer Länder Küche zu probieren. Welche Sinne werden neben dem Geschmack angesprochen? Wie riecht das Essen? Isst du es mit den Händen? Wie ist seine Textur auf der Zunge? Wann würden deine Charaktere das essen? Zum Überleben? Zu Hause mit seiner Großmutter? Kann es eine Metapher sein? Du kannst eine Szene schreiben, in der dein Charakter ein ähnliches Essen zu sich nimmt.


Gehe zurück an deinen Schreibtisch und sieh deine Beobachtungen durch. Welche kannst du benutzen? Welche setzt du auf eine Warteliste? Welche fallen ganz raus?

Wichtig ist, Ausschau nach dem Ungewöhnlichen zu halten und alle Sinne zu benutzen. Man sammelt Bilder, Szenen, die man dann mit Worten aufs Papier bringen kann.

Viel Spaß beim Schreiben!

Wie immer sind wir neugierig auf deine Erfahrungen mit dieser Übung und welche ungewöhnlichen Situationen du beobachtest. Erzähl uns gerne davon!

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