Figurenentwicklung: Der Alltag als Starthilfe

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Thomas Williams | 10 Juni 2015 |

Fangen wir mit einer neuen Geschichte an, begegnen wir lauter neuen Figuren, die es kennenzulernen gilt. Ganz besonders Augenmerk gebührt dabei natürlich dem Protagonisten der Geschichte. Der Leser soll wissen, wie er tickt, sich in ihn hineinversetzen können. Hierbei hilft es oft, den Alltag des Charakters vorzustellen.

Ist er ein Morgenmuffel oder springt er mit einem Lied auf den Lippen aus dem Bett? Zeigt er auf dem Weg zur Arbeit allen den Mittelfinger oder grüßt er freundlich alle, die ihm begegnen? Schon das macht deutlich, mit was für einer Person wir es zu tun haben. Wie die Figur mit ihrem Alltag umgeht und sich darin verhält, stellt sie praktisch vor. Und ganz nebenbei können wir noch Nebenfiguren einbauen, die später an Bedeutung gewinnen.

Die Nachbarin, der er im Hausflur begegnet wird.
Der Mann im Zeitungskiosk, wo unser Prota seine Zigaretten holt.
Der kläffende Hund, der ihm jeden Morgen hinterherjagt.

Die Alltagsbeschreibung ist kein Muss, kann euch als Autoren aber helfen, euren Charakter kennenzulernen, solltet ihr ihn nicht vorher in einem Steckbrief für euch selber vorgestellt haben. Mir persönlich liegt es mehr, die Figur während der Handlung entstehen zu lassen. Ich habe ein ungefähres Bild vor Augen, das sich mit der Geschichte jedoch verändert. Indem ich meine Heldin oder meinen Helden durch den Straßenverkehr schicke, merke ich ob, die Person leicht reizbar ist. Ob sie gut gelaunt auf der Arbeit erscheint oder sich kriechend zum Schreibtisch bewegt, um nicht vom Chef gesehen zu werden.


Dabei sollte der Alltag Teil der Handlung sein. Ist er für den weiteren Verlauf nicht wichtig, könnt ihr ihn auch erst mal für euch selber schreiben und später weglassen. Wie gesagt, er hilft euch, die Figur zu erforschen.

Achtet darauf, dass es nicht zu trocken wirkt. Der Alltag sollte lebendig wirken. Ein kurzes Gespräch mit der Nachbarin oder wenigstens eine Begründung, warum ihr die Pest an den Hals gewünscht wird sind besser als: Sie/Er ließ die Nachbarin links liegen. Draußen war es kalt. In der U-Bahn herrschte schon um diese Uhrzeit viel Betrieb.

Warum nicht: Sie/Er ging ohne eine Begrüßung an der Nachbarin vorbei, wohl wissend, dass sie es gewesen war, die kürzlich erst wegen Lärmbelästigung die Polizei gerufen hatte. Dabei konnte sie sich selber nicht zurückhalten, wenn ihr Freund zu Besuch kam. Draußen war es eiskalt und sie/er bereute es die dünne Jacke gewählt zu haben, während sie/er zur U-Bahn-Station lief. Natürlich war die Bahn um diese Uhrzeit schon gerammelt voll. Nichts Neues, aber das hieß nicht, dass man sich jemals dran gewöhnen würde.

Charaktere entwickeln Eigenleben und das ist gut so. Das macht die Sache interessanter, deswegen verzichte ich auf Steckbriefe. Wozu einen schreiben, wenn sich der liebe Junge von nebenan auf Seite 2 schon zum Miesepeter entwickelt hat? Ich rate dazu erst einmal mit der Geschichte und der Figur anzufangen und zu sehen, wie sie sich entwickelt. Beobachtet, wie sie sich verhält. Das sagt bereits viel über einen Protagonisten aus. Ob er nett oder gemein ist. Dumm oder schlau.

Zur Inspiration könnt ihr euch Menschen auf der Straße ansehen und euch Gedanken dazu machen, was für ein Leben sie wohl führen. Schwimmen sie in Geld und gehen sie heute Abend auf eine Party der Reichen und Schönen? Oder halten sie ein Feuerzeug unter eine Dose Nudeln, um wenigstens etwas Warmes zu essen zu haben? Fühlen sie sich trotz all des Geldes einsam, weil sie von früh bis spät nur arbeiten und keine Zeit für einen Partner haben? Wurden sie von ihrem Partner verlassen, um sich dann im Alkohol zu verlieren und zu verarmen?

Wie schlagen sie sich durchs Leben? Was für Schwierigkeiten haben sie? Um sie nicht zu langweilig darzustellen, sollten zumindest eure Charaktere unbedingt welche haben. Sucht danach und lasst sie damit interessant werden.
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Schreibaufgabe: Geh mit deinem Protagonisten oder jeder anderen Figur deiner Wahl auf Streifzug durch seinen bzw. ihren Alltag. Zeig uns, was er bzw. sie auf seinem täglichen Weg zur Arbeit oder zur Uni erlebt, welchen Menschen er begegnet, welche Gespräche er führt. Zeig uns wie er bzw. sie das Wochenende verbringt oder einen Urlaubstag. 

Inspiration: Tagtäglich sind wir mit Bus und Bahn unterwegs. Und tagtäglich begegnen uns unzählige Menschen. Beobachte wie diese Menschen sich bewegen und sprechen, ihre Mimik und Gestik. Womit beschäftigen sie sich? Wo steigen sie aus? Mache dir Notizen.
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Diskussion: Schreibst du den Alltag deines Charakters auf? Machst du das am Ende, als Realitätscheck? Oder machst du das am Anfang, um ihn kennenzulernen?

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