Kolumne | Ich bin eine Stalkerin. (Jedenfalls fühle ich mich manchmal so.)

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Hekabe OhneName | 28 August 2015 |


Es ist Montagmorgen, einer der schlechteren Wochenanfänge, und ich sitze halb dösend in der U-Bahn. Kopfhörer in die Ohren gestopft, aus denen wahrscheinlich zu laut Musik schallt, einen Kaffeebecher in der Hand, hasse ich stumm die Welt dafür, dass sie existiert und ich um diese Uhrzeit schon unterwegs bin, anstatt in aller Seelenruhe beim Frühstück sitzen zu können.

Die Bahn hält mit einem Ruck an der nächsten Station, die Türen öffnen sich, Menschen strömen herein. Sie verteilen sich auf den wenigen leeren Plätzen entlang der Halteschlaufen, die meisten wirken ähnlich müde wie ich auch, ein paar haben genauso wie ich Becher mit dampfendem Kaffee oder Tee in den Händen, manche lesen. Der übliche, gleichmäßige Trott einer Großstadt.

Schläfrig lasse ich meinen Blick durch den Wagen schweifen, meine Augen streifen Menschen jeder Art und so ziemlich jeden Alters. Und dann muss ich plötzlich unwillkürlich inne halten.

Mir gegenüber hat gerade eine Frau Platz genommen. Ich bin ihr bisher noch nie begegnet, kenne sie eindeutig nicht und trotzdem habe ich das Gefühl, sie zu kennen. Sie erinnert mich an jemanden, an den sie mich genau genommen nicht erinnern kann. Denn die Person ist rein fiktiv.
Es ist eine meiner Figuren, genauer gesagt eine Freundin meiner Protagonistin, deren Hintergrundstory ich am Wochenende noch ein bisschen ausgebaut habe. Könnte ich über die Besetzung zu einem Film nach dem Vorbild meines Manuskripts entscheiden, würde ich auf der Stelle jemanden wie die Frau mir gegenüber auswählen. Wie sie lächelt, sich bewegt und in dem Buch blättert, das sie gerade aus ihrer Tasche zieht, das könnte so passen. Aber dann hebt sie den Kopf und mir fällt auf, dass ich sie angestarrt haben muss. Eilig weiche ich ihrem Blick aus und werde spontan hochrot.
Es sind Momente wie dieser, in denen ich mich wie eine Stalkerin fühle.
Wenn ich irgendwo in der Öffentlichkeit bin und mir ein Gesicht, eine Bewegung auffällt und ich von meinen Mitmenschen einen Augenblick fasziniert und inspiriert bin. Dafür muss ich nicht einmal das Gefühl haben, einer Buchfigur gegenüber zu sitzen, sondern schon eine bestimmte Ausstrahlung, ein Gesichtsausdruck oder ein bestimmtes Verhalten reichen.
Wenn meine Umgebung zum Writing Prompt wird und ich am liebsten mit meinen Augen ein Foto machen und diesen kleinen Moment der Inspiration konservieren würde.
In der Realität starre ich aber leider nur und benehme mich dabei wohl ziemlich creepy.

Dabei würde ich diese Menschen am liebsten direkt fotografieren. Einmal Smartphone rausholen, knips und fertig. Aber fragen? Und erklären, dass mir gerade jemand gegenüber steht, der aussieht wie eine Romanfigur? Ohne creepy zu wirken?
Äh, ja. Da versteift sich ein Teil von mir spontan doch aufs Starren.

Jedenfalls so lange bis die Bahn wieder hält, die Türen aufgehen und die fleischgewordene Inspiration ihrer Wege geht. ;)

Euch fallen noch andere Probleme ein, die typischerweise nur Autoren haben? Tweetet sie mir doch an @hekabeohnename oder teilt sie mir über diesen Thread im Forum mit!  

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