Was man als Autor von Märchen lernen kann

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Sabrina S. | 21 Dezember 2015 |
Quelle: »Die Märchen der Gebrüder Grimm« - Taschen Verlag
Allein der Begriff „Märchen“ lässt uns sofort in unsere Kindheit zurückreisen. Wir erinnern uns an fantastische Geschichten, die die Grenzen des Möglichen überschreiten. An Happy Ends, die man am liebsten selbst erleben würde. An die gerechte Strafe, die die bösen Figuren am Schluss erhalten. Und natürlich an die Floskeln „Es war einmal vor langer Zeit …“ sowie „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“. Doch was hat es mit diesen kurzen Texten auf sich, dass sie sich so großer Beliebtheit erfreuen? Was macht die Geschichten so faszinierend? Diesem Erfolgsgeheimnis gehen wir heute auf den Grund …

Die Hintergründe: Aus dem Kulturgut lernen
Märchen sind Kulturgut – man kennt sie seit Hunderten von Jahren. Sie wurden mündlich weitergetragen und zum Beispiel von den Brüdern Grimm gesammelt und veröffentlicht. Wahrscheinlich fragt ihr euch als Autoren jetzt, wie euch das weiterhelfen soll. Schließlich wollt ihr nicht darauf warten, dass eure Geschichten irgendwann mal zum deutschen Kulturgut gehören. Und vermutlich wird es auch nie dazu kommen.

Aber dass Märchen so bekannt sind, kann man nutzen. Man muss nicht zwingend über Märchenstoffe schreiben, es reicht, wenn man sich an einigen ihrer Merkmale ein Beispiel nimmt. Denn es ist so: Märchen konnten all diese Jahre überdauern, weil sie etwas Besonderes sind. Vor allem sind sie weit komplexer, als es auf den ersten Moment scheint.

Das Prinzip: Das Gute siegt über das Schlechte
So simpel sich das auch anhört, so erfolgreich ist dieses Prinzip. Und das hat seit jeher einen einfachen Grund: In einer Welt, in der so viel Schlimmes vor sich geht, brauchen die Menschen Hoffnung. Hoffnung auf ein besseres Leben. Und obwohl man weiß, dass die meisten Geschichten fiktional sind, will man doch nicht aufhören, an das Gute zu glauben. 

Dass solch positives Denken erst vermittelt werden muss, haben sich die Brüder Grimm zunutze gemacht. Denn viele wissen nicht, dass Märchen eigentlich überhaupt keine Kindergeschichten waren. Jakob und Wilhelm Grimm haben die gesammelten Geschichten so überarbeitet, dass aus ihnen pädagogisch wertvolle Texte wurden. Sie haben erkannt, dass man bereits den Kindern die richtigen Werte vermitteln muss. Und in Märchen ist es nun einmal omnipräsent, dass die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden.

Das heißt natürlich nicht, dass man nur mit Kinderbüchern Erfolg haben kann. Denn wer liest den Kindern die Märchen vor? Erwachsene. Die wissen zwar, dass vieles im Märchen utopisch und verherrlicht ist, aber sie wollen trotzdem nicht aufhören, an ein Happy End zu glauben. Denn wer vermittelt einem Kind schon etwas, an das er nicht selbst glaubt?

Und diese Hoffnungen kann man als Autor aufgreifen, um den Lesern Mut zu machen, dass alles gut werden kann.

Die Struktur: Zeigen, wie sich die Figuren entwickeln
Damit das Gute am Ende gewinnt, muss natürlich zuvor etwas Schlechtes oder für die Hauptfigur Unangenehmes passieren. Und obwohl Märchen relativ kurze Texte sind, wird deutlich, dass die Figuren am Anfang nicht dieselben sind wie am Ende.

Dieser Reifungsprozess läuft nicht in jedem Märchen gleich ab. Aber es gibt spezielle Punkte, an dem die Handlung Halt macht:
  1. Hauptfigur wird eingeführt (meistens im familiären Umfeld) 
  2. Verbot für die Hauptfigur, etwas nicht tun zu dürfen 
  3. Überschreitung dieser Grenze (wegen Neugier/Reiz des Verbotenen) 
  4. Akzeptanz des Neuen und der Konsequenzen (nach kurzem Aufbegehren) 
  5. Beginn eines neuen Lebens voller Glück
Ein gutes Beispiel hierfür ist der Froschkönig in der Fassung der Gebrüder Grimm:

Zu Beginn wird die Familie der Königstochter beschrieben. Das Mädchen macht sich auf den Weg zum Brunnen, wo sie mit ihrer goldenen Kugel spielt (trotz der Gefahr, dass diese ins Wasser fallen könnte). Der Ball landet im Brunnen, der Frosch holt ihn wieder hoch und verlangt dafür von der Königstochter, ihn mitzunehmen, was diese nicht will. Ihr Vater zwingt sie quasi dazu, den Frosch von ihrem Teller essen zu lassen und mit ins Bett zu nehmen, woraufhin sie das Tier gegen die Wand wirft. Der Frosch verwandelt sich in einen Prinzen und die beiden verloben sich. Am Ende nimmt er sie mit in sein Reich.

Aber Achtung!
Der Reifungsprozess in Märchen geht viel zu schnell vonstatten. Im Roman muss er weiter ausgeführt werden, um die Logik nicht zu vernachlässigen. Für eine Kurzgeschichte taugt diese Struktur außerdem nicht, weil ein Märchen quasi eine längere Geschichte in Kurzform ist, während eine Kurzgeschichte nur ein Ereignis (oder zumindest wenige Ereignisse) aus dem Leben des Protagonisten beschreibt.

Der Stil: Bildhaftigkeit und sich wiederholende Motive
Märchen sind einfach gehalten. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich ein Hauptsatz an den nächsten reiht. Nein, auch Märchen sind von Nebensätzen durchzogen. Oft sind diese sogar so lang, dass ein Lektor sie in der heutigen Zeit bestimmt gekürzt hätte.

Der erste Satz des Froschkönigs lautet zum Beispiel:



In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte so oft sie ihr ins Gesicht schien.


Man kann anhand dieser wenigen Zeilen auch erkennen, wie bildhaft und spielerisch die Sprache ist. Oft wird mit der Natur gearbeitet, die meistens motivisch für etwas steht. Den „dunklen Wald“ kann man beispielsweise mit dem Unbekannten, oft auch mit der Gefahr, assoziieren. Dadurch, dass stets wiederkehrende Motive im Märchen auftauchen, prägt es sich auch besser ein.

Aber Achtung!
Wiederholungen sind gut, aber zu viele schaden dem Schreibstil. Außerdem sollte ein Autor nicht immer wieder über dasselbe schreiben, sondern innovativ sein. Abgesehen davon ist die Gefahr groß, dass man zu sehr in Klischees abdriftet. Denn Märchen haben ein gewisses Klischeedenken gefördert, indem immer wieder das gleiche Thema und eine ähnliche Struktur aufgegriffen wurden.

Außerdem lehrt der Märchenstil einen Autor, wie man selbst besser nicht schreiben sollte. Bekanntlich wird das meiste vom Erzähler berichtet, es taucht meistens sehr wenig wörtliche Rede auf. Und Gedanken und Gefühle der Personen fehlen beinahe komplett. Dafür sind immer wieder sehr wertende Kommentare eingestreut, die den Leser näher ans Geschehen bringen und die Handlungen der Figuren erklären sollen.

Heutzutage ist das keine gute Variante mehr, da man relativ selten einen allwissenden Erzähler hat, wie er im Märchen vorkommt. Wertungen sollte man nur anhand der Erzählperspektive vornehmen, den Gedanken und Gefühlen einer Person entsprechend.

Und zum Schluss noch ein kurzes Fazit: Von Märchen kann man einiges lernen, man sollte sie jedoch nicht imitieren. Vieles ist unlogisch, die Figuren sind eher eindimensional und der Stil gewöhnungsbedürftig. Abgesehen davon muss man natürlich darauf achten, dass sehr viele fantastische Elemente auftauchen, die man nicht ohne Weiteres in jedes Genre übernehmen kann. Trotzdem sind Märchen und insbesondere Märchenadaptionen heutzutage sehr erfolgreich. Man kann also nicht nur grundsätzlich etwas von Märchen lernen, sondern auch aus den Originalen so einiges herausholen.

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