Offene Enden in Horrorgeschichten

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Thomas Williams | 10 Mai 2016 |
Das Ende einer Geschichte ist der Teil, den der Leser am besten im Gedächtnis behält. Es kann eine Story retten oder ruinieren und ich gebe hier ehrlich zu: Offene Enden sind gefährlich. Ich persönlich finde sie toll, denn was erzeugt ein ungemütlicheres Gefühl, als nicht zu wissen, wie es ausgeht? Es ist wie ein Damoklesschwert, das auf ewig über dem Kopf eines Charakters schwebt. Dass sich solche Enden nicht größter Beliebtheit erfreuen, heißt aber nicht, dass sie tabu sind. 
„Friedhof der Kuscheltiere“ von Stephen King ist trotz allem ein Beststeller geworden. Und wenn ich euch verrate, dass das Buch ein ungewisses Ende hat, verrate ich nicht mal zu viel, denn das bedeutet ja nichts. Es kann immer noch gut oder böse ausgehen. 
Eure Figur kann nach einem überstandenen Abenteuer zu weiteren Erlebnissen aufbrechen. Sie kann aber auch eingeschlossen in einer Höhle stehen und von Monstern umgeben sein, mit nichts weiter bewaffnet, als mit einem Messer und einer Fackel, deren Feuer ganz langsam erlischt, während die Monster näher kommen. Vielleicht versuchen ja die Freunde unseres Helden zu ihm durchzudringen, doch bevor sie es schaffen, ist die Geschichte vorbei. Gerade für Horrorgeschichten sind Enden ohne endgültige Auflösung bestens geeignet, denn wie weiter oben erwähnt, ist es ein unbequemes Gefühl zu wissen, dass da vielleicht gleich noch etwas Schlimmes passiert oder sich das Blatt vielleicht sogar noch wendet, wir dessen aber nicht Zeuge werden. 
Der Leser verlangt eine Auflösung. Er will wissen, wie es ausgeht und das verweigern wir ihm. Aber nicht, um ihn zu ärgern, sondern um das bestmögliche Ende zu finden. Eins, das ihn aufwühlt. Es heißt nicht: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Sondern: „Und wenn sie nicht gestorben sind … Wer weiß? Vielleicht geistern sie untot durch die Gegend.“
Ein zu harter Bruch stößt natürlich nicht auf viel Gegenliebe. Ihr solltet offene Enden nicht verwenden, um möglichst geheimnisvoll zu wirken, sondern nur, wenn es zur Story passt. Tatsächlich habe ich schon oft erlebt, dass mich Leser fragten, wie es denn nach der Geschichte weitergeht. Und ich habe ganz ehrlich geantwortet und gesagt: „Keine Ahnung! Darüber habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht!“
Desto weniger ich darüber nachdenke, was danach passiert, desto unheilvoller fühlt sich der Schluss an. Mir rutschen nicht versehentlich irgendwelche Informationen heraus, oder etwas in der Art. Und trotzdem muss ein offenes Ende den Leser nicht im Regen stehen lassen. Es kann einfach ein Hinweis darauf sein, wie es weiter geht. Oft sieht es dann danach aus, als hätte der Autor eine Fortsetzung im Kopf, die es vielleicht niemals geben wird, aber es ist kein ganz so harter Bruch wie: „Klappe zu, Affe tot. Vielleicht aber auch nicht.“ 
Ein paar Beispiele ohne die Titel zu nennen, denn ich will hier nicht spoilern:
  • Kurz vorm Schluss stellt sich heraus, dass die Geliebte, die gerade aus den Klauen der Vampire gerettet wurde gebissen worden ist und man dem Bösen nun hilft, sich in der Welt zu verbreiten. 
  • Die einzigen beiden Überlebenden stehen sich gegenüber, nachdem alle anderen von einem Monster getötet wurden, dass sich in menschliche Körper einnistet. Und es könnte in einem der beiden sein. 
  • Nach der Flucht vor den Zombies wähnen die Charaktere sich auf einer Insel sicher. Nur, um im nächsten Moment angegriffen zu werden. 
Das sind alles recht bekannte Filmenden, aber ich verrate hier natürlich keine Titel. 
Sie sollen euch als Beispiel dienen, was es bedeutet, dass eine Geschichte offen enden kann, aber eben gleichzeitig eine Auflösung bietet. Das Böse ist immer noch da und breitet sich aus. Aber die Folgen davon bekommen wir nicht mehr mit. Ich glaube diese Art von Ende ist die beste Methode, um eine Geschichte offen ausklingen zu lassen, ohne den Leser zu sehr im Dunkeln zu lassen. Es gibt Menschen, die fühlen sich betrogen, weil es keinen vernünftigen Schluss gab. 
„Hatte der Autor keine Lust mehr?“
„Wusste der Autor selbst nicht, wie es ausgeht?“
Überlegt, ob eure Zielgruppe mit offenen Enden umgehen kann. Ob es zur Geschichte passt. Und da sich dieser Text auf Horrorgeschichten bezieht: Wer genügend davon kennt, ist es gewohnt, dass solche Erzählungen nicht immer gut ausgehen. 
Ich sag immer: „Lieber ein offenes Ende, als eins, in dem sich alle lachend um den Hals fallen.“

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