Aller Anfang ist die Hölle

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Nadine Kube | 08 März 2017 |


Der Anfang eines Romans gehört mit zum Schwersten, was der Autor zu bewältigen hat. Mehr als jeder andere Teil einer Geschichte muss der Anfang die Aufmerksamkeit des Lesers bannen.
Denn bevor es dem Leser überhaupt möglich ist, sich emotional zu orientieren, muss man ihn packen, fesseln und knebeln, darf ihn nicht mehr loslassen, muss ihn hineinziehen in den Kosmos, den man vor ihm eröffnet. Gelingt dies nicht oder nur schlecht und recht, läuft man Gefahr, ihn gleich wieder zu verlieren.

Leichter gesagt als getan, denn vor allem sollte der Anfang einer Geschichte wesentliche Informationen beinhalten und die Fragen WER, WAS, WO und WARUM? bedienen.

Wie also schafft man es, so viele Kernelemente der folgenden Erzählung aufzugreifen und gleichzeitig Spannung aufzubauen?

Es geht um das WIE – und dazu gilt es, die Aufmerksamkeit des Autors auf ein paar wichtige gestalterische und dramaturgische Elemente zu lenken, die gerne vernachlässigt werden und die so essenziell sind, da sie alle zusammengehören:
  • erster Satz 
  • erster Abschnitt, Exposition und Prämisse (+ Ende)
  • Eröffnungsszene (Opening Scene) und auslösendes Moment (Inciting Incident

Wer von euch ist ein Blätterer? 

Also jemand, der beim leisesten Anflug von Langeweile nach vorn blättert, hinten weiterliest, um zu prüfen, ob sich das Geplätscher fortsetzt oder eventuell doch noch Spannung aufkeimt?

Damit das in euren Texten nicht passiert, Folgendes:
Anfang und Ende bilden eine Klammer um den Plot und sind somit korrespondierende Elemente. Wenn der Anfang nicht steht, verliert man nicht nur seine Leser, sondern auch das Ende aus den Augen – und umgekehrt. Die Geschichte selbst bildet den vielbeschworenen Handlungs- bzw. Spannungsbogen (dazu später mehr).

Der Anfang einer guten Geschichte sollte eines sein: saugend, gierend, vielversprechend, gerne auch kokett, verwirrend, fordernd, abstoßend – doch nicht kapriziös, umständlich, zierend oder gar langatmig.

Die Basics

Wir kennen das alle: Da fängt man an zu lesen und bereits nach wenigen Seiten fragt man sich, wohin die Reise gehen soll. Die Frage drängt sich auf:
Was will einem der Autor damit sagen?

Die Exposition bietet die Einführung in die Geschichte und soll dem Leser grundlegende Informationen mitgeben, die für das Verständnis der folgenden Story wichtig sind: elementare Handlungselemente wie Ausgangssituation und Konflikt(e) aufzeigen, Figuren – zumindest die Hauptfigur – vorstellen, ein Gefühl für Zeit, Ort und Situation sowie die Grundstimmung vermitteln; auch die Einführung in den verwendeten Stil ist dabei wichtig. Dieser erste Abschnitt einer Erzählung ist wegweisend, um dem Leser den roten Faden in die Hand zu geben, an dem er sich orientieren kann.
Auch das Formulieren der Prämisse ist eine Herangehensweise, die in die gleiche Richtung weist: Damit wird die Ausgangssituation definiert – Setting, Protagonist und der Konflikt (häufig korrespondierend mit dem Thema) aufgesetzt.
Hierbei geht es also vordergründig um inhaltliche Informationen und wesentliche dramaturgische Elemente.

Am Ende des ersten Abschnitts einer Erzählung sollte der Leser in der Lage sein, WER, WAS, WO und WARUM in einem oder zwei Sätzen zusammenfassen und somit die interne Logik zu erfassen. Wir sprechen hier auch vom „Set-up“.

Intro über alles

Die Eröffnungsszene ist ein wichtiger Part – wir kennen das v. a. aus dem Film, wenn bei Action Movies das sogenannte Kick-off-Event, also der Moment, an dem die Handlung einer Geschichte einsetzt, spektakulär in Szene gesetzt wird, um den Zuschauer sofort reinzuziehen und in das Geschehen zu involvieren.
Dieses Ereignis kann in der Chronologie der Geschichte nahezu überall angesiedelt sein, es wird jedoch aus dramaturgischen Gründen – um in eine Stimmung einzuführen und/oder die Spannung zu erhöhen – herausgelöst und in der Erzählung prominent am Anfang platziert. Wichtig ist dabei, dass die Neugierde des Lesers geweckt wird und er gerne weiterliest.

Diese erste Szene ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem Auslöser, dem Vorfall oder der Aktion, die den Hauptkonflikt innerhalb der Geschichte initiiert. Dieses auslösende Moment stellt das erste Schlüsselereignis einer Geschichte dar und setzt die Handlung in Gang, hat also dramatische Auswirkungen. Dieser Trigger kann mehr oder weniger spektakulär sein, jedenfalls stellt dieses Ereignis eine Veränderung der Ausgangssituation dar, ein Problem, das nicht unbedingt aus einer inneren Logik der Geschichte (bzw. ihrer Vorgeschichte) heraus entstanden sein muss. Daraus ergibt sich bereits die Zielgerade.

Diese beiden wichtigen Komponenten des ersten Abschnitts einer Geschichte können durchaus zusammenfallen – müssen es aber nicht. Der Auslöser kann bspw. auch in der Vorgeschichte auftauchen (die als Prolog oder Rückschau implementiert werden kann). Der Moment, in dem sich der Protagonist dann wirklich entscheidet, seine Reise anzutreten – aus welchen Gründen auch immer –, bildet das zweite Schlüsselereignis und so weiter und so fort. Wichtig ist, dass man den Leser nicht allzu lange hinhält, bis etwas passiert.

Was ist denn diese Spannung, von der alle reden? 

Wir erzählen Geschichten, seit die Menschheit so viel Intelligenz und darstellerische Fertigkeit aufgebracht hat, dass sie exemplarische Beispiele weiterreichen konnte: zur Überlieferung, zum Amüsement.
Geschichten am Kindbett, am Lagerfeuer, bei Hofe, im Wirtshaus – erinnern wir uns an einen standardisierten ersten Satz der (internationalen) Erzählgeschichte, der uns allen freudige Erwartung bescherte: Es war einmal … 
Und sogleich erkennen wir die Klammer und addieren automatisch die Schlussformel: Und wenn sie nicht gestorben sind … bzw. Und sie lebten vergnügt … 

Storytelling ist ein vielbemühter Begriff. Tatsächlich kommt er aus einer uralten Tradition.
In Marketing, Werbung und PR ein Buzzword, im Bereich der Rhetorik zwar nicht steinzeitalt, aber doch zumindest antik! Denn die größten Rhetoriker hat die griechische und römische Antike hervorgebracht: Die Kunst der Überzeugung – Redekunst.
Um nichts weniger geht es hier: um Kunstfertigkeit. Jeder von uns weiß, wie ermüdend schlechte Reden sein können und wie wichtig ein starker Einstieg ist. Das ist 1:1 übertragbar auf die Literatur!

Und denken wir dabei an die Klammer und somit an das Ende, bedeutet dies für den Spannungsaufbau der Geschichte: Starker Einstieg, Erzählbogen, starker Abgang: BÄM!
Dieses Prinzip gilt übrigens für jeden einzelnen Abschnitt. Wer dies beherzigt, erweckt bei jedem Kapitel seiner Geschichte die Neugierde des Lesers aufs Neue und macht Lust aufs Weiterlesen.
Alles, was dem zuwider läuft – Redundanzen, Unnötigkeiten, Füllstoff, unnütze Figuren, Motive, Szenen – gehört schlicht eliminiert. Es geht um Fokussierung.

Liest sich einfach, lässt sich unsagbar schwer umsetzen. Denn all das über 200 bis wievielauchimmer Seiten aufrecht zu erhalten, ist wahrlich eine Herausforderung. Plot und Figuren müssen jederzeit korrespondieren, sie dürfen sich nicht voneinander abwenden. Das, was wir am Anfang einer Geschichte aufsetzen, sollte sich durchziehen – bis zum Ende! So gesehen, kann ein erster Satz durchaus strukturelle Relevanz haben.

Der erste Satz – ein Statement

Bestechend.
So sollte er sein, der erste Satz. Das Abbild eines Erzählkosmos: prägnant, kompromisslos.

Es gibt unzählige Beispiele für geniale erste Sätze, die allesamt unterschiedliche Ansätze verfolgen. Manchmal besteht er aus einer Sentenz oder einem Aphorismus, bildet die Prämisse ab oder gleich die ganze Geschichte. Wichtig ist, dass er die Atmosphäre einfängt, den Duktus, in dem das literarische Werk gehalten ist. Bestenfalls eröffnet er einen Kosmos an Fragen.

Im Anfang war das Wort
Wohl einer der besten Anfänge der Literaturgeschichte – ja, Literatur, denn die urchristlichen Schriften wurden in Liedform verfasst, der ursprünglichsten Form der Lyrik. Ein erster Satz (hier: Johannesevangelium, Neues Testament), der viele Fragen aufwirft, den man wieder und wieder liest. Er wurde über Jahrtausende hinweg zu Tode interpretiert.
Doch wir wollen hier nicht die Schöpfungsgeschichte besprechen, gleichwohl sie mit der Erschaffung eines literarischen Werkes viel gemeinsam hat: Am Anfang entsteht die Welt, die Erzählwelt aus dem Nichts. Danach folgt die Menschwerdung – das Kreieren der Figuren, welche diese Welt bevölkern und die durch ihre Handlungen die Geschichte zum Leben erwecken.

Der ungeschlagene Meister der (deutschsprachigen) dramatischen Anfänge ist Kafka, der es fertigbrachte, in seinem ersten Satz den gesamten Roman unterzubringen:
Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (Der Process) 
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. (Die Verwandlung)

Schon im ersten Satz des Romans wird also das groteske Umfeld der Handlung gezeigt – ebenso wie bei Orwell:
Es war ein strahlend-kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn. (1984) 

Tolstoy eröffnet mit der berühmten fatalistischen Sentenz:
Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich. (Anna Karenina) 

In der Rhetorik sagt man, ein guter erster Satz soll simpel und konkret sein und v. a.: so kurz wie möglich, so lang wie nötig; Emotionen erzeugen, geich zu Anfang eine überraschende Wendung einleiten – noch bevor man als Rezipient damit rechnet.
Einen exemplarischen Satz dieser Art stellte der Wissenschaftler und Bestseller-Autor Paul Krugman einmal an den Anfang seines Beitrags über eine Chinareise:
Ich habe die Zukunft gesehen, und sie wird nicht funktionieren.

Das ist Storytelling.

Fazit 

Kaum ein Part im kreativen Schaffensprozess bietet so viel Herausforderung wie das Schreiben von Anfang und Ende einer Geschichte. Denn mit dem Anfang gibt man ein Versprechen ab, eröffnet Welten.
Auch wenn man glaubt, die Hölle würde sich vor einem auftun: Nehmt euch Zeit dafür und widmet euch einmal ganz und gar diesen elementar wichtigen Komponenten eurer Geschichte, denn diese müssen stehen. Ohne Anfang kein Ende, keine Story.

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