Dialoge als dramaturgisches Kunstwerk

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Nadine Kube | 26 April 2017 |

Dialoge schreiben ist hohe Kunst.
Diese Kunst erfordert Übung in der Abstraktion, denn ein Dialog darf niemals nur schmückendes Beiwerk sein. Wer sich dies beim Schreiben nicht bewusst macht, sollte auf Dialoge verzichten.

Geht das denn?
Die Antwort ist simpel: Nein. Sobald Figuren interagieren, wird immer auch Kommunikation stattfinden – in irgendeiner Form.

Formale Betrachtung


Per Definition ist ein Dialog ein Zwiegespräch zwischen mindestens zwei Figuren nach dem Prinzip der abwechselnd geführten Rede und Gegenrede.

Wenn man sich dieses Grundprinzip verdeutlicht, wird schnell klar, welche dramaturgische Funktion damit verknüpft ist: Zwei (oder mehrere) Figuren treten miteinander in Interaktion. Dialoge sind also auch immer eine bewusste Aktion und damit handlungsrelevant.
(Reiner Informationsfluss von Sprecher A zu B ist immer einseitige Kommunikation. Die textliche Ausführung als direkte oder indirekte Rede – bei Aussage, Ausruf oder Order – hat also erst einmal nichts mit Dialogführung zu tun.)

Als literarisches Mittel dienen Dialogszenen der besonders lebendigen Darstellung eines Inhaltes. So kann bspw. ein Thema in kurzem Abstand von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Im Gespräch werden abweichende Positionen vermittelt oder gegeneinander ausgespielt, das Einverständnis zwischen den Figuren dargestellt oder die Reibung, die zugespitzt im Konflikt enden kann.
Der Dialog im Roman ist jedoch kein wissenschaftlicher Diskurs mit Erörterung von These und Antithese, sondern ein energiegeladenes Ping-Pong-Spiel, das Informationen komprimiert und auf den Punkt bringt, Impulse setzt, das Tempo der Erzählung erhöht, Figuren Neuigkeiten und Geheimnisse verraten lässt.

Dramaturgische Relevanz


Dialoge erfüllen zwei wesentliche Funktionen innerhalb einer Geschichte: Sie dienen entweder der Charakterisierung von Figuren oder der Entwicklung von Handlung.

Solche Gespräche, die zwischen zwei (oder mehreren) Interessengruppen geführt werden, können unterschiedliche Zwecke erfüllen. Inhaltlich geht es – ganz nüchtern – um Interessensabgleich.
Die Art der Ausführung sollte der Intention entsprechen, die der Autor in die jeweilige Szene legt:
  • Figuren Profil geben (Charakter und Emotion)
  • Handlung vorantreiben 
  • Hintergrundinfos (zur Story oder den Figuren) liefern
  • Konflikte ausleben
  • Impulse setzen (Wendungen herbeiführen)
  • Thema erörtern
Achtung vor Info-Dump: Diese Informationen für den Leser im Dialog unterzubringen bedeutet nicht, ihn monologartig ausufern zu lassen. Ganz im Gegenteil geht es um Verknappung, Verdichtung und Selektion.
Die Wirkung der Worte lässt sich anhand der Frage bemessen: „Was nützt das für die Geschichte?“

Atmosphäre und Dynamik


Für Dialoggestaltung gilt dasselbe Prinzip wie sonst auch beim Schreiben einer Geschichte:
Es geht um Storytelling und Dramaturgie. Sei er auch noch so kurz – ein Dialog sollte immer einen Spannungsbogen und einen Emotionsbogen beinhalten.

Im Roman sind Dialoge eingebettet in den Erzähltext, der den Eindruck von der Atmosphäre und der Situation vermittelt.
Das, was außerhalb der Rede passiert – also Angaben zu Gestik, Mimik, Bewegungen im Raum, Hintergrundgeschehen –, sollte eine Dialogszene abrunden, nicht ablenken. Beschreibungen des Settings sollte man ebenso nach ihrer Sinnfälligkeit untersuchen und darauf achten, dass diese nicht rein dekorativen Charakter haben.

Länge und Gewichtung


Die formale Umsetzung bietet genau zwei Möglichkeiten: Dialogszenen und begleitende Dialoge.
Bei der Wahl kommt es darauf an, was genau vermittelt werden soll und wie viel Information benötigt wird, um die Szene voranzutreiben – oder eben zu verlangsamen, um der Situation mehr Raum zu geben.
Eines darf man dabei nicht vergessen: Dialoge bremsen den Lesefluss – allein durch die übliche Form des (Schrift-)Satzes und der formalen Kennzeichnung bei direkter und indirekter Rede. Der Leser nimmt Dialogszenen also sehr konzentriert wahr, d. h. gerade dieses Gestaltungsmittel birgt die Gefahr in sich, dass der Leser ermüdet, wenn sich hier keine Faszination und Neugierde auf den Fortlauf des Schlagabtauschs einstellt.

Entscheidend sind dabei Tempo und Länge eines Dialoges. Der Redeanteil, also die Sprechzeit einer Figur hängt davon ab, wie viel Information über diese Figur der Autor dem Leser an dieser Stelle mitgeben möchte.
Die Form der Gesprächsführung richtet sich nach der Art der Szene: Will der Autor hier dialektisch ein Thema erörtern (Gedankenaustausch oder Konflikt) oder Hintergrundinfos zur Story oder den Figuren einflechten, nimmt dies naturgemäß mehr Raum ein.
Kurze Einschübe – Frage und Antwort oder Aussage und Gegenrede – dienen meist dazu, eine Wendung herbeizuführen und die Handlung schnell voranzubringen.

Welche Dialogform gewählt wird, hat also nicht unbedingt etwas mit der Bedeutung der Szene zu tun, sondern hängt im Wesentlichen mit der Situation zusammen, in der sich die Figuren befinden.

Subtext als Spiegel


Grundsätzlich stellt eine Dialogszene immer das Verhältnis zwischen den Figuren dar. Die Art und Weise, wie sie einander begegnen, spiegelt sich in Informationsgehalt, Wortwahl und Intonation. 
Ein Dialog ist niemals nur ein Geplänkel zwischen zwei Leuten, die sich zufällig begegnen und sich sonst nichts zu sagen haben. Es sei denn, genau das darzustellen ist beabsichtigt.

Dialoge verraten so viel mehr als das, was die Figuren tatsächlich äußern. Gleichzeitig erfahren wir hier etwas über ihren Gemütszustand, ihre Beziehung zueinander und die Umstände, in denen sie sich gerade befinden. 
Das, was zwischen den Zeilen steht, hat oftmals stärkere Wirkung als das gesprochene Wort, da hier in der Darstellung des Autors bereits die Einschätzung der Situation mitgeliefert wird. Im realen Leben interpretieren wir Gesagtes aufgrund der Informationen, die wir über unsere Gesprächspartner haben. Bei guten Freunden bspw. werden wir gleichzeitig auch immer deren Gedanken mitlesen – soweit uns das möglich ist natürlich.  

Ein Szenen-Beispiel


Eine Kennenlern-Szene hat immer etwas mit gegenseitigem Abtasten zu tun: Zwei Menschen, die sich zufällig an der Bar treffen; eine Begegnung zwischen verschiedenen Kulturkreisen oder Spezies; ein romantisches Date; ein professioneller Termin (berufliche Zusammenkunft, öffentliche oder politische Show) oder ein gesellschaftliches Ereignis – in all diesen Szenen geht es darum, Lebenswelt, Status, Habitus und charakterliche Eigenarten der Figuren herauszuarbeiten, ggf. ihre Interessen, Ziele und Prinzipien darzustellen, kurz: ihnen so knapp wie möglich ein Profil zu geben.

In solch eine Szene können viele der oben genannten Aspekte einfließen. Die Art der Ausführung, Ausführlichkeit und Infogehalt geben Auskunft über den Status der Beziehung zwischen den Figuren und ihre jeweilige Position innerhalb der Geschichte.

Erwartungshaltung und Unterhaltungswert 


Dialoge sind gewissermaßen eine Ankündigung bzw. ein Versprechen: „Dieser folgende Abschnitt ist unterhaltsam und komprimiert.“ Dementsprechend sollten Unterhaltungen zwischen Figuren inhaltliche Relevanz haben und Emotionen enthalten. 
Betrachtungen über das Wetter, Grußformeln, einfache Zustimmung oder alltäglicher Small Talk fallen damit weg. Jeder Satz, der in seinem Informationsgehalt redundant ist, gehört hier nicht rein. Ob Diskussion, Streit, Plauderei oder ein herzliches Gespräch: Ein guter Dialog wartet mit Neuigkeiten und spezifischen Details auf.

Wenn man Dialoge in seine Geschichte einflicht, sollte man sich bewusst machen, dass diese ein wichtiges formales Gestaltungsmittel sind, die wesentliche Aussagen über die beteiligten Figuren sowie deren Verhältnis zueinander treffen und immer im Kontext der Handlung stehen. 

Tipp: Beim Zuhören merkt man schnell, ob ein Dialog funktioniert. Lest euch eure Dialogszenen selbst vor, nehmt sie am besten auf. Hierbei fällt schnell auf, was an dem Gesagten langweilig und überflüssig ist, wie überzeugend und lebendig sie gestaltet sind.

Im nächsten Artikel geht es um Dialoge als psychologisches Spannungsfeld – wie man seinen Figuren eine Stimme gibt (anhand von Beispielen).

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