Zurückgeblickt: LiteraturCamp 2017 in Heidelberg

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Nadine Kube | 28 Juni 2017 |
Am Wochenende 24./25.06.17 fand in Heidelberg das zweite LiteraturCamp statt.
Zwei Tage mit geballtem In- und Output und insgesamt 220 Teilnehmern: Ein Spektakel sondergleichen, möchte man meinen, schaut man sich die Twitter-Wall zum Hashtag #Litcamp17 an, die allein am ersten Tag über 4.790 Tweets verzeichnete und auf Platz zwei der deutschen Twitter-Trends lag.

Was ist da passiert? 

Ganz einfach: 220 Newbies und alte Hasen aus allen Ecken und Enden der Bücherwelt – unter anderem ein paar engagierte SchreibnächtlerInnen 😊 – fanden sich unter dem Banner „rund um die Literatur“ zusammen, um sich auszutauschen, (gegenseitig) zu informieren, zu diskutieren, Allianzen zu schließen und Spaß zu haben.

Start des LitCamps - volle Konzentration bei der Vorstellungsrunde

Warum noch ein LitEvent?


Das ganze Jahr über gibt es Veranstaltungen, Bloggertagungen, Buchtage, Messen, Konferenzen, Symposien et cetera. Die meisten literaturaffinen Menschen und selbst Branchenakteure können – wenn überhaupt – nur einen Bruchteil davon wahrnehmen, aus zeitlichen oder Kostengründen. Viele Literaturinteressierte und AutorInnen wissen außerdem oft nicht recht, wie und mit wem in Kontakt treten, wenn sie nicht gerade selbst der Branche angehören oder in einem zugehörigen Netzwerk verankert sind.

Beim LitCamp bietet sich die Möglichkeit, mit ganz unterschiedlichen Leuten in Kontakt zu kommen – einander auf Augenhöhe zu begegnen, auf Basis gemeinsamer Interessen. Es geht um Dialog und Netzwerken.

Angenehmer und inspirierender Austausch
Das Format Barcamp eignet sich dazu ganz hervorragend, da es für alle Beteiligten niedrigschwellig ist und in keiner Weise Leistungs- oder Profilierungsdruck entsteht. Jeder kann ohne Bedenken präsentieren, Diskussionen moderieren, sich äußern. Es herrscht eine lockere Atmosphäre ohne verkrampften, elitären Konferenz-Charakter.

So wurden auch hier zu Beginn jedes Veranstaltungstages die Sessions von den Teilnehmern selbst vorgestellt und per Voting der Anwesenden in das Programm aufgenommen. Inhalt und Ablauf dieser kleinen Workshops oblag den jeweiligen Moderatoren. Insgesamt gab es 81 Sessions in 7 Räumen, dazu am Samstag 9 Night-Sessions inklusive #litcampslam – ungezählt die spontanen Zusammenkünfte zwischen den offiziellen Programmpunkten, bei denen wie so oft die wertvollsten Begegnungen und Momente stattfanden.

Was wurde geboten?


Line-up-Ausschnitt vom ersten Camp-Tag
Das Themenspektrum der Sessions war so divers wie die Branche selbst:
Natürlich wurde zuvorderst Handwerkszeug vermittelt – von der Kreation über Finanzierung, Vertragsgestaltung, Produktion, Vertrieb und Vermarktung bis hin zu Netzwerkaufbau (Bloggen, Social Media, Content Marketing, SEO, Twitter, Instagram ...) – und die unterschiedlichen Gangarten wurden hinlänglich (Verlag/Selfpub) diskutiert.

Daneben gab es viele Runden, in denen spannende Formate, Verlage, Netzwerke, Social-Reading-Plattformen und How-to zu Podcast, Hörbuch, Literaturzeitschrift und Ähnliches vorgestellt wurden.
Der Frage nach Inspirationsquellen wurde nachgegangen und der kreative Schaffensprozess von vielen Seiten beleuchtet, sei es durch Improtechniken oder andere Tricks und Kniffe.

Die Veränderung in Kreationsprozess, Arbeitsweise und Rezeption durch digitale Medien und deren Protagonisten wurde fokussiert, die Chancen für und durch das Storytelling über diverse Kanäle besprochen – wie auch der Wandel der Inhalte, Genderfragen, Klischeeadaption, Political Correctness.

Soziale und politische Themen wie die prekäre Situation für AutorInnen in der Türkei und die Verhältnisse in China wurden erörtert, ebenso wie die Möglichkeiten der Kommunikation beispielsweise für Betroffene mit psychischer oder körperlicher Beeinträchtigung.
Es war alles mit dabei.

Die Mission: Literatur als Aufgabe


Über all dem hing immer die kritische Frage nach der Ausrichtung bzw. Sinnfälligkeit der eigenen Tätigkeit sowie nach der Aufgabe und Verantwortung, die Publikationen jeglicher Art und vor allem die Stimmen und Institutionen dahinter haben.

Die explosiven Momente an diesem Wochenende waren daher die Debatten um beliebte Streitfragen: Inwieweit sind AutorInnen und BloggerInnen an die Vorgabe der Verlage gebunden? Wie sehr sind Verlage und auch Selfpublisher vom Publikumsgeschmack abhängig? Wonach richten Blogger, Rezensenten und Leser ihre Präferenzen aus? Passt man sich in seinem Schreiben dem Geschmack der Masse an oder geht man eigene, womöglich steinige Wege? Warum ist der Buchmarkt übersättigt? Haben unentdeckte Perlen eigentlich noch eine Chance, im derzeitigen Literaturbetrieb durchzuschimmern? Inwieweit können Verlage als Unternehmen überhaupt auf Wünsche der Autoren Rücksicht nehmen? Ist Marketing ein lästiges Übel oder hilfreiches Kommunikationsmittel?
Dies und noch viel mehr erhitzte die Gemüter und sorgte für regen Schlagabtausch.

Credo und Fazit: Positionierung ist das A und O. Jeder ist gefordert, sich in seinem Tun zu überprüfen – Anpassung an die Gegebenheiten oder Selbstbestimmung und Mitwirkung an Veränderungen. Eine diverse Literaturlandschaft entsteht nicht von selbst.
Autoren, Verlage, Blogger, Booktuber, Redaktionen, Rezensenten, Kritiker, Buchhandel, Leser: Alle sind am Prozess beteiligt, gestalten gemeinsam das, was wir Literatur nennen – und sind aufgerufen, sich kritisch mit den Inhalten und der Kommunikation untereinander, den Chancen und Risiken am Markt auseinanderzusetzen.

Fazit: Dialog beflügelt – wozu?


Dynamik entsteht aus einer gesunden Mischung aus Konsens und Kontroverse. Das Litcamp17 wurde dem Anspruch gerecht, den Dialog zu fördern. Was der Einzelne für sich mitgenommen hat – das könnt ihr in den vielen Blog-Artikeln lesen, die Stimmung und persönliche Erfahrungen besprechen.

Was mir an diesem Wochenende gefehlt hat, war die Entwicklung einer Perspektive, konstruktive Ansätze und Lösungsmodelle für die oben genannten Problemstellungen – und eine entsprechende Moderation. Ziel der Zusammenkunft sollte nicht nur Schulterschluss und Rückversicherung, Kritik und Disput sein, sondern: Entwicklungen voranzutreiben, Impulse zu setzen, Botschaften zu senden.

Der zweite Tag wurde mit einer Referenz* an Eric Jarosinski alias @NeinQuarterly eröffnet: "Habt Mut, Nein zu sagen in einer Gesellschaft der Ja-Sager."
Ich kontere meinerseits mit einem Zitat** des Meisters: "Nein ist nicht das Medium. Nein ist nicht die Botschaft." Nein sagen ist eins, bewusst Ja zu sagen umso schwieriger. Mikro- und Makrokosmos bestimmen sich gegenseitig. Der Schritt aus der Filterbubble heraus ist wichtig. Wir müssen uns gemeinsam bewegen.

Veranstaltungen dieser Art können ein Anfang sein. Dafür gebührt den Veranstaltern und Sponsoren des LitCamps Heidelberg Dank und Ehr. 

Das magische Einhorn des LitCamps
sorgte für positive Vibes.

Berichtwesen

Blogroll #litcamp17

Es kommen bestimmt noch einige, aber hier schon mal ein paar der Berichte, die sich auf Inhalte konzentrieren und nicht auf Stimmungslage:
Und noch ein kleiner Videodurchlauf von @Stehlblueten sowie eine kritische Stellungnahme von @AnnikaBuhnemann.

*   Zitat aus dem o. g. Blog-Artikel von Susanne Kasper.
** Zitat aus: Jarosinski, Eric: Nein. Ein Manifest. Frankfurt a. M. 2015, S. 57.

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