Ausschreibungen- Pro & Contra

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Thomas Williams | 04 April 2018 |
Besonders Kleinverlage sind immer wieder auf der Suche nach Kurzgeschichten für Anthologien. Oft gibt es ein bestimmtes Überthema, manchmal bleibt es den Autoren auch selbst überlassen, um was es in ihrer Geschichte geht, solange es zum vorgegeben Genre passt. Seit über zehn Jahren nehme ich immer mal wieder an Ausschreibungen teil und möchte euch in diesem Bericht meine Erfahrungen mitteilen. Die positiven, aber auch die negativen.

Zu allererst: Durch Kurzgeschichten alleine wird niemand reich und berühmt. Bei Ausschreibungen ist es sogar äußerst selten, dass die Autoren bezahlt werden, was aber auch den einfachen Grund hat, dass die Veröffentlichung eines Buches für einen Verlag nicht vollkommen kostenfrei ist. Wenn an einer Anthologie zwölf Autoren teilnehmen, muss der Gewinn auf diese aufgeteilt werden und da kann es schon mal sein, dass jeder Autor etwa 2 Euro bekommen würde. Eine Anthologie verkauft sich eben, wie wahrscheinlich jedes neue Buch, kurz nach seinem Erscheinungsdatum am besten. Der Verlag und Autoren machen Werbung, Leser werden aufmerksam und schreiben (hoffentlich) Rezensionen, die noch mehr Menschen aufhorchen lassen. Aber wie bei jedem Buch, Film oder Musikalbum, nimmt die Aufmerksamkeit irgendwann ab und es werden immer weniger Exemplare verkauft. Das mag sehr negativ klingen, ist aber wichtig zu wissen, denn immer wieder lese ich von Autoren, sie würden an Ausschreibungen nicht teilnehmen, weil es sich finanziell nicht lohnen würde. Dem stimme ich sogar zu, erwarte aber auch nie, dass mir ein Kleinverlag viel Geld überweist. Aus Gesprächen mit Verlegern und Herausgebern weiß ich, dass Anthologien oft keine Reingewinn machen. Tatsächlich sind sie oft ein Risikoprojekt, da Romane ganz einfach beliebter sind, als Kurzgeschichten.



Jetzt fragt ihr euch bestimmt, warum ich dennoch seit so langer Zeit an Ausschreibungen teilnehme.
Ganz einfach: Es macht Spaß.
Okay, etwas mehr gehört natürlich schon dazu. Bevor ich darauf eingehe, möchte ich nochmal drauf hinweisen, dass ich hier meine persönlichen Erfahrungen wiedergebe. Seht es als Erfahrungsbericht. Es gibt Autoren, die werden mir in vielen Punkten zustimmen und andere, die mir widersprechen. Ich kann allerdings nicht für alle reden, sondern nur für mich. Aber ich hoffe euch mit meiner ehrlichen Meinung einen kleinen Überblick zu verschaffen und die Entscheidung zu erleichtern, ob ihr mal selber an einer Ausschreibung teilnehmen möchtet, oder nicht.

Jeder Autor hat sein persönliches Lieblingsgenre. Viele von euch kennen mich vielleicht aus der Facebookgruppe oder dem Schreibnachtforum und wissen, dass ich Horror liebe. Dementsprechend nehme ich meistens an solchen Anthologien teil, aber Ausschreibungen sind eine gute Möglichkeit, einen Blick über den Tellerrand zu werfen, wenn das vorgegebene Thema interessant genug klingt und man eine Idee dazu hat. Auf die Art und Weise schnappt man als Autor auch gleich etwas frische Luft, sieht vielleicht, wo seine Schwächen und Stärken liegen. Manchmal sind Anthologien auch eine Gelegenheit die Idee umzusetzen, die dir schon so lange durch den Kopf geht, für die du aber bisher keine Chance zur Veröffentlichung gesehen hast.

Desweiteren sind Kurzgeschichten so etwas wie Appetithäppchen für Leser. Ich selber habe viele meiner Lieblingsautoren durch Anthologien kennengelernt. Sie machen neugierig auf die Romane dieser Leute. Wenn ihr noch keinen veröffentlich habt, ist das auch nicht schlimm. Die Leser wissen bereits, ob ihnen euer Stil gefällt und werden hoffentlich nach mehr von euch Ausschau halten. Die Veröffentlichung in einer Anthologie war für mich der erste Schritt in Richtung Öffentlichkeit. Es hat eine Weile gedauert, aber inzwischen darf ich viele Autoren als meine Freunde bezeichnen. Es ist toll ihnen auf Messen und Conventions zu begegnen, mit ihnen zu quatschen und sogar gemeinsame Projekte zu planen. Inzwischen werde ich oft zu Anthologien eingeladen, muss mich also nicht mehr gegen 100 andere Autoren durchsetzen, weil ich mir einen kleinen Namen in dieser Szene gemacht habe. Aber ich nehme immer noch an öffentlichen Ausschreibungen teil, weil es einfach Spaß macht, mir die Themen gefallen und ich das Gefühl der Herausforderung mag. Klar, wird die Geschichte abgelehnt, ist das blöd, heißt aber nicht, dass sie schlecht ist. Und sie kann immer noch woanders eingereicht werden, wenn sich die Möglichkeit ergibt.

Dank meiner veröffentlichten Kurzgeschichten hatte ich bereits Lesungen vor Publikum und im Radio. Außerdem wurde 2017 eine mit dem zweiten Platz beim Vincent Preis ausgezeichnet. Diese Geschichte habe ich bei einer Ausschreibung eingereicht. Ein letztes Mal soll es noch erwähnt werden: Viel Geld ist nie dabei rumgekommen.
Aber (!) was ich dank Ausschreibungen erlebt habe, ist sowieso viel besser. Das Geld wäre inzwischen fort, die Kontakte sind geblieben und es ergeben sich immer wieder tolle Gelegenheiten daraus.

Manch einem mag das Risiko einer öffentlichen Ausschreibung zu groß sein, weil man die Schreibzeit im Fall einer Ablehnung nicht zurückbekommt, aber seht es auch als Übung für euch selber. Und eine abgelehnte Geschichte kann immer noch woanders eingereicht werden. Die Zeit ist also nicht ganz verloren.

Falls ihr Interesse daran habt, es mal zu versuchen, findet ihr hier im Schreibnachtforum immer wieder Tipps für aktuelle Ausschreibungen: https://www.schreibnacht.de/category/21/verlagsausschreibungen

Ich hoffe, dass ich euch einen kleinen Überblick verschaffen konnte, inwiefern sich die Teilnahme lohnt. Und vielleicht sehen wir uns mal in einer Anthologie. 

Kommentare:

  1. Schöne Zusammenfassung. Ja, mit Anthologien kann man kein Geld verdienen (oder zumindest nicht viel), aber ich mache das auch, um mich auszutesten und die Verlagswelt besser kennenzulernen.
    LG Amaineko :-)

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    1. Und dafür sind Ausschreibungen bestens geeignet ;-)

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  2. Was vielleicht auch noch sowohl für Schreibneulinge als auch für alte Hasen interessant ist: Bei einigen Verlagen bekommt man für die angenommenen Kurzgeschichten ein richtig tolles Lektorat, also die kostenlose Möglichkeit, professionelles Feedback zu seinem Schreibstil zu erhalten. Und da das Schreiben ein fortlaufender Lernprozess ist, sollte man diese Chance wertschätzen, auch wenn sich das Schreiben der Kurzgeschichte geldmäßig nicht lohnt.
    Liebe Grüße, Anja Buchmann

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    1. Da hast du völlig recht. Durch Lektorate sieht man noch mal seine Schwächen und lernt etwas, für die nächste Geschichte.

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